Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Über den Opfercultus nach biblisch-talmudischer Auffassung
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 3)
- Language
- German
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nach biblisch-talmudischer Auffassung. 169 bringen, wenn es die Lehren und Pflichten, welche in dieser Gottesidee begründet sind, erheischen sollten. Daher heißt es bald darauf (V. 13): ״Und Abraham erhob seine Augen und sah, und siehe ein Widder!" Er erhob sich in seinem Geiste zu einer höhern und reinern An- und Einsicht von Opfer und Gottesdienst. Der ganze Schwerpunkt dieser neuen Erfassung und Erhebung liegt aber in dem Nachdrucke: ״Und stehe ein Widder!" Nicht im Opfer selbst ist der Zweck der frommen Verrichtung zu suchen, so daß das Opfer bedeutsamer, verdienstlicher und wirksamer sei, je höher der Verlust und je größer der Schmerz ist, der dadurch bereitet wird, wonach das Menschenopfer das höchste und heiligste wäre; nein, das Opfer ist das Bild, das äußere Anregungsmittel zur Erzeugung frommer, opferwilliger Gedanken in der Seele und gvttessürchtiger Gefühle im Herzen. ״Nachher verwickelte sich dieser Widder im Dickicht mit seinen .Hörnern; dann ging Abraham und nahm den Widder und brachte ihn zum Opfer statt seines Sohnes." Nachdem er über die Idee des Opfers zur Einsicht gelangt war, sollte er inne werden, daß die Thätigkeit des Opferers durchaus erforderlich ist, um gleichsam durch sie der Gottesidee, von welcher er erfaßt ist, einen entsprechenden Ausdruck zu geben und der Begeisterung, welche diese Erfassung erzeugt, einen bleibenden Eindruck zu bereiten. Daher entzog sich ihm der Widder, um gleichsam dadurch die Thal vorzubereiten, wie es bald darauf heißt: Er ging, nahm den Widder und opferte ihn. Und so sollen auch die Worte ״statt-seines Sohnes" den oben bezeichneten Gegensatz zum heidnischen Opfer ausdrücken. Das Opfer war demnach die höchste, heiligste gottesdienstliche Verrichtung, welche zu ihrem Substrate die vollendete Gotteserkenntniß und Gvttesverehrung in der Seele und im Herzen hatte: ein intensives Ergriffensein im Geiste von der reinen Gottesidee, welches freudige, begeisternde Gefühle der Hingebung an Gott im Gemüthe erzeugte. Die heilige Schrift bezeichnet diesen Höhe- Punkt der Religiosität durch Gottesfurcht (יואת-ה׳)■. Darum läßt sie hier den -Engel Gottes zu Abraham sprechen: ״Jetzt weiß ich, daß du ein Gottesfürchtiger bist" 2). Nachdem wir nun aus dem Capitel der Akeda die dem biblischen Opfer zu Grunde liegende Idee nachgewiesen haben, 2) Man vergleiche 2. M- 14, 31; 5. M. 10, 12; Spr. Sal. 1. 12 und Pf. 111, 10.