Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe aus Süddeutschland
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 3)
- Language
- German
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L3H Briefe aus Süddcutschland. Besoldung tüchtiger Lehrer beizustehen;. 3) unbemittelte Kinder Hand-- werke erlernen zu lassen; und 4) diesenigen Israeliten, welche sich dem Ackerbau durch Selbstbearbeitung des Bodens widmen wollen, hierin zu unterstützen. — In den Städten betreiben nicht wenig Juden derschiedene Fabrik- und mitunter höchst bedeutende Exportgeschäfte, so in Worms die letzteren in Leder und Kleidern, in Offenbach in Porteseuilles und andern Fabrikaten. Mehrere der jüdischen Fabrikanten erhielten bei den Industrie-Ausstellungen in München und Paris ehrende Anerkennungen. — Wünschenswert!) wäre, wenn die Cnltivirung der Handwerke mehr unter unfern Glaubensbrüdcrn betrieben würde; leider sind in den meisten Fallen die Versuche der hiernach zielenden Unterstütznngsvereine fruchtlos geblieben, da die kaum die Lehrzeit bestandenen Lehrlinge entweder sogleich, oder meistentheils auf amerikanischem Boden dem mercantilen Leben sich zuwendeten; indessen fehlt es keinesweges an jüdischen Meistern als Spängler, Schreiner, Sattler, Goldarbeiter, Uhrmacher, Schneider, Schuhmacher u. s. w. Was die sociale Stellung unserer Glaubensbrüdcr zu anderen Consessionen betrifft, so ist dieselbe tm Allgemeinen befriedigend. Manches Bollwerk reichsstädtischer Aristokratie mußte den Windstoß der ausklärenden Neuzeit erfahren; der ausschließende Zunftgeist mußte dem decentralisirenden Umschwung aus allen Gebieten der Industrie, des Handels und der Gewerbe zum Opfer fallen, und so gibt es, so weit mir bekannt, in Hessen keine ausschließlich christlichen Vereine; in den sogenannten Casino's, Harmoiüegesellschasten, Gesangvereinen rc. sind mehr oder weniger jüdische Mitglieder, und so befinden sich Beispiels halber in dem Gesellschastsvereine der Honoratioren zu Gießen unter den 228 ordentlichen Mitgliedern nicht weniger als 12 jüdische. — Die Gymnasien und höhern Bürgerschulen werden von der jüdischen Jugend sehr stark frequentirt, und in Städten, in welchen Gymnasien sind, gibt es nur wenige jüdische Jünglinge, die nicht längere oder kürzere Zeit dieselben besuchten. — Auffallend ist der fast allgemein herrschende Sinn für Musik und neuere Sprachen, die mit vielen Opfern in den Familien cultivirt werden; doch geschieht dies, insbesondere der Sprachunterricht, im Hinblick auf die praktische Seite des Lebens. Es ist nicht selten, daß Jünglinge hiesiger Gegend in Frankreich oder England bei hohem Salair als Commis oder Buchhalter fungiren; über- 3) Hier lebte bekanntlich der Secttrer Jacob Frank, dessen Seele noch immer durch einige Anhänger aus Polen vertreten wird. Sie leben Hennetisch abgeschlossen und bekennen sich äußerlich zur katholischen Kirche.