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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1856-01-01 · Heft 12 · p. Seite 465

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
5 (1856)
Issue
Heft 12
Article
Briefe aus Wien
Date
1856-01-01
Page
Seite 465 (sequence 3)
Language
German
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Briefe ans Wien. ^65 absolvirt hat, muß sich fragen, was mm beginnen? jüdische Theologie lst bei uns nicht solch ein erfreuliches Feld, daß malt rechnen könnte, es werden Biele dahin ziehen. Auch ist nach den bei uns waltenden Verhältnissen der aus dem Gymnasium tretende junge Mensch sehr wenig für jüdische Theologie vorbereitet. Es fehlt dem Gymnasialschüler positiv an Zeit, sich anderweitig mit Fleiß zu beschäftigen. Wo daber auch schon der Wille vorhanden wäre, jüdischer Tbeolog zu werden, so dürsten nur Wenige die Mvaft besitzen, im Meere des Talmuds unterzutaucherl und die Perlen hervorznbolen. — Eltern von religiösem Sinne sind aber auch wenig geneigt, rbre Sölnw Jurisprudenz studircn zu lassen, da sie da selber ihre minder der Versuchung preisgehen würden. ES bleibt daher nur die Medicin, und auf diese!« Gebiete tummeln sich ohnedies; bereits mehr als zuviel. Ich muß hier notbwmdig unsere politischen Verhältnisse berühren. So viel ich iu letzter Zeit erfahren habe, dürfte es noch längere Zeit dauern, bis diese geregelt sein werden, und — sie haben leider keine Aussicht auf eine günstige Lösung. Ich würde nicht wagen Ihnen diese Nachricht mitzutbeilen, wenn sie mir nicht von verschiedenen Seitelt zngekomlnen wäre, und ich kann nur wünschen, die Thatsachen mögen meine Worte Lügen strafen. Es ist nicht blos eine oratio pro domo, wenn ieb sage, daß die erleuchteten Staatsmänner Oesterreichs in diesem Punkte dunkel sehen, und zwar, weil sie die Dinge nicht mit unbefangenem Auge betrachten. Es herrscht ein eigenthümlicher Widerspruch, der sich bereits länger als ein halbes Jahrhundert forterbt. Das Iudcnpatent vom Iabre 1707 setzt bereits fest, daß mau die Inden den christlichen Mitbürgern gleichstellen wolle, wenn sie den Schacher aufgeben. Dabei aber schließt man nach wie vor hermetisch Alles ab, womit sieb der Jude beschäftigen will und wollte, und doch hat man bisher kein Mittel erfunden, wie man von der Luft allein leben kann 1). Man hält den Herren Zahlen vor und weist nach, wie die Juden mit aller Emsigkeit den Boden bebauen, wie sie tapfer im Heere sind, wie sie mit allem Fleiße ihren Amtspflichten obliegen wo ihnen vom Staate ein Amt gegönnt ist; — und die Antwort ist, dieses wären blos Ausnahmen. Nach wie vor aber werden die Ausnahmen, wenn ein Jude sich da oder dort versündigt, als Regel angesehen. Da hört 1) Als Sc. Majestät der Kaiser jüngst in Pesth war, geruhte er eine jüdische Deputation zu empfangen, die ihm eine Petition in Betreff der Be. sitzfähkgkeit übergab. Die trefflich geschriebene Petition har Herrn Joseph Wertheimer zum Verfasser. 35*

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