Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Briefe aus Österreich
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 5)
- Language
- German
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220 Briefe aus Oesterreich. weil wir die Autonomie der Gemeinden im Allgemeinen, und der jü« dischen als Eultusgemcinde im Besonder» gewahrt wissen wollten. Hoffentlich wird auch hier dalder Zustand, wie in den anderen Krönländern «intrcten, daß jede Gemeinde ihre Vorsteher und Beamten selbst wird wählen können. Die Frage der Besipsäbigkeit ist in Ungar» zum Tbeil gelöst, zum Tdeil ist sie noch eine brennende. Sie ist in so fern gelöst, als es böchst selten einen Ort in Ungarn gibt, wo früher Juden wohnten, die nicht irgendwie Grundbesitz hätten. Eben so bekannt ist aber, daß Tausende Joch Acker in Ungarn brach liegen, weil sich keine Hand vorfindet, die sie bebauen möchte. Es ist hier nicht der Ort die Ursachen anzusübrc», die diesen Zustand berbeiführten: er ist nun einmal da. Mannigfache Projekte sind bereits vorgeschlagcn worden, in welcher Weise diese Schätze des Bodens z» lüsten waren. Ein besonderer Licblingsgedankc mancher StaatSökonome» ist, Ungarn zu rolonisiren. Es wurden auch Versuche damit gemacht, die aber, wie es in der Natur der Sache liegt, nicht gelungen sind. Der Fremde hat mit klimatischen Verhältnisse» u. s. w, zu kämpfen, die nicht immer überwunden werden können. Es liegt nun klar vor. daß die Regierung die Hand daran legen muß, um i» Ungarn selbst einen Wetteifer zu erregen; bei dieser E.oneurrenz kann sie aber nicht die Betriebsamkeit der Juden vergessen. Geben wir nun aus die inneren Verhältnisse über. Während die Regierung in den anderen Kronländern schon lange vor dem Jahre 1848 darauf gedrungen hat, daß die neu anznstellcnden Rabbiner Studien aus wissenschaftlichem Gebiete außer dem Talmud gemacht haben müssen, ist solches für Ungarn nicht erfolgt. Dieses Kronland befand sich nämlich in AuSnahmsvcrhältnissen. da es nach constitutioneilen Formen regiert wurde. Hier aber war der PatriotiS« muS der Stachel zur Bildung. Die Magyaromanie nahm in der letzten Zeit in ereentrischer Weise überhand. Was nicht ungarisch war wurde verpönt, und die Juden nahmen über Hals und Kopf Theil an dieser Uebcrsprudelung. Auf jüdischen Kanzeln wurde das Wort Gottes in ungarischer Sprache gepredigt; in jüdischen Schulen wurden die Lehrgegenstände in ungarischer Sprache vorgetragen. Was man auch gegen diese Uebcrstürzung cinwenden mag, eines ist dabei doch gewiß: der Patriotismus war der Grundhcbel. Es ist daher doppelt und dreifach lächerlich, wenn man noch hie und da den Vorwurf anSsprechen hört, der Jude habe keinen Sinn für das Vaterland, wo er geboren ist.— Es ist übrigens noch zu bemerken, da in Ungarn bis zum Jahre 1848 ein gewisses parlamentarisches Leben war, wo das Wort Macht und