Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Briefe aus Österreich
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829192-2829196-2854254--02780-2854284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 Briefe au« Oesterreich. Wir geben nun aufs Einzelne über. Wir beginnen mit einem kleinen Krcnlande, mit M ähre n. Dieses Kronland bietet nach Außen in religiös-jüdischer Beziehung ein Ganzes, indem es einen Landesrabbiner an seiner Spitze bat. (Seit dem Abgänge Hirsch'S bekleidet der Rabbiner zu BoScowitz diese Stelle provisorisch.) Dieses Kronland mit dem angrenzenden österreichischen Schlesien und Böhme» haben zunächst durch die nachmärzlichen Nerhaltnissc gewonnen, daß das Pharaonische Gesetz, wo jeder der heirathcn wollte genöthigt war eine sogenannte ״Familienstellc" zu haben, aufhörte. Es bat seit jener Zeit die Verarmung nicht zugenommcu, im Gegcntheile könnte man behaupten, daß sich im Allgemeinen der Wohl« stand hob. Fragen Sic aber, in wie fern hat das Institut des LandcSrabbi« natcS überhaupt dem Lande Nutze» gebracht, in wie fern stehet dieses Land auf religiösem Gebiete besser als die andern, so laßt sich allerdings wenig Nachweisen. ES könnte dies zuin Tröste dienen für diejenigen, die außerordentliche Furcht vor de» Folgen des ConcordateS auf jüdischem Gebiete haben, die da meine», cs werde sich auch unter uns eine Hierarchie bilden. Wie kraft- und machtlos zeigte sich der Landesrabbiner. Er war nur dann stark, wenn er in seinem Wissen, vor allem ans talmudisch«religiösem Gebiete, den Andern überlegen war. Wo dieses nicht in solchen! Maße vorhanden war, da nutzten alle'Anstrengungen nichts. Wir könnten ans der neuesten Zeit gar mannigfache Beweise anführen. Die ganze Gewalt des LandcsrabbinerS beschrankte sich darauf, die Rabbiner für die 52 Gemeinden Mährens zu approbire». Eine andere Macht konnte sich der LandcSrabbincr nie vindicire» und wurde ihm auch nie gegönnt. Einen Borthcil wünschte ich, daß die Gemeinden dieses sowie der andern Grönländer aus dem Eoneordate zögen. Es bestand bisher die sonderbare Anomalie, daß die jüdischen Schulen von katholischen Geist« iichen beaufsichtigt wurden. Der Rabbiner stand der Schule ganz fremd, und wenn er auch, wie dieses in neuester Zeit geschehe» ist, selbstthätig in der Schule eingriff — der katholische Geistliche blieb nach wie vor derjenige, dessen Wort in der jüdischen Schule galt. Zu welchen Miß« Helligkeiten, Reibungen und Störungen dieses führte, läßt sich leicht denken. Der Lehrer durfte noch so wenig leisten, die Gemeinde konnte es noch so sehr wünschen, daß derselbe entfernt werde — es nutzte alles nichts. Der Lehrer stellte sich sogar oft gegen die Gemeinde,