Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe aus Wien
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 3)
- Language
- German
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Briefe aus Wien. 49 die mildthätigen Herzen steigerten sich. Alle wohltbätigen Institute mußten daher ihre Kräfte verdoppeln und verdreifachen. Abgesehen von den Wohlthätigkeitsinstituten, die dazu bestimmt sind der moinentanen Noth abzuhclfen, wie Armenanstalt, Krankenhaus u. s. w., gibt eS hier auch Institute, die daraus bedacht sind der Jugend einen Wmnb und Unterlage zu geben, daß sic sich selbstständig machen kan». ES wird nämlich die Bildung und Erziehung gefördert. In dieser Beziehung will ich solche nenne», die sich so zu sagen in die Hand arbeiten: Die Kleinkinderbewahranstalt, der Kreuzerverei» (dieser zahlt das Schulgeld und gibt die Schulbücher an arme Kinder, ebenso werden die Äinder zum Theil mit Kleidung versorgt) und Handwcrksverein. In ähnlicher Weise, um eine Lebensstellung zu begründen, wirkt auch das Taubstummeninstitut, für die Kinder, die Gott so schwer heimgesucht hat. Was ich als besonders bei diesen Institutionen hervorhebcn muß, ist, daß sich Frauen rüstig und rührig bei diesen Werken wahrhafter Humanität betheiligen. Es waren von jeher ״die sroinmcu Frauen in Israel" berühmt. Doch üben diese edlen Frauen in weit nachhaltigerer Weise die Werte der Menschenliebe, indem sie eben darauf bedacht sind, die Kinder zu Menschen bcranzubilde». Hinzufügen muß ich noch, dass, obschon man unsere Zeit anklagt, cs gehe ihr jeder religiöse Sinn ab und nage der Beinfraß des MaterialiSmus an dem Ueberkommenen, so sind die Reichen der Jetztzeit doch mehr als die der Lergangcnheit bedacht, wohlthätige Stiftungen zu gründen, und bereits bestehende Institute durch großmüthige Spenden und Legate zu stützen. Ul. Indem ich daran gehe, ein Bild unserer religiösen Verhältnisse zu entwerfen, muß ich aufrichtig bekennen, daß die Charaktcrisirnng derselbe» sehr schwer ist. Ich müßte vor Allem auf die Frage komme», was ist Religion, was ist jüdische Religion? Ist sie eine Religion der That oder des Gedankens, oder vielmehr Beides zugleich, da der Gedanke durch die That Ausdruck, Verwirklichung erhalten soll? — Doch es kann sieh hier nicht darum handeln ein kritisches Urtheil binzuftellcn. ES soll ein Bild der Zeit gegeben werden, ohne Rücksielt aus individuelle Anschauungen. Ich will es versuchen die Lineamentc zu zeichnen. Es wurde bereits obe» berührt, daß der Sinn für Juden und Judcnthum in neuerer Zeit viel stärker ist als früher. Man schlägt nicht mehr die Augen nieder, wenn man zufälliger Weise dafür erkannt