Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe aus Wien
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 2)
- Language
- German
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48 Briefe aus Wien. Anstrengungen, die auf anderweitigeiu Gebiete gemacht werden, um das konfessionelle Moment zu stärken, haben auch die Spannkraft des Jude» geweckt. Es konnte bei den Bcschcerungen, die das letzte Jahr für andere Eonsessionen brachte) der Vergleich nicht auSblciben, und man mußte sich sagen 'VN ראו מה בץ בני לב!י. So sehr man auch das Judenthum der Verknöcherung anklagcn mag, nie hat es den freien Geist in Fesseln geschlagen. Bevor ich von dem wcrkthätigcn Iudcnthnme der neuern Zeit spreche, mufj ich wenn auch nur einen flüchtigen Blick auf einen Thcil der jüdisch-gesellschaftlichen Zustände Wiens werfen. Die Wiener jüdische Gemeinde von heute ist in keinen Vergleich zu bringen mit den Berhältnisscn, wie sie bis zum Jahre 1848 bestanden. Seitdem die Herrschaft des ״JudenamteS" aufgehört hat, das seine Späher mitten in der Nacht auf arme geplagte Juden ausschicktc, hat sich die jüdische Bevölkerung bedeutend vermehrt, und zwar ist der größte Theil dieser neuen Population arm. Aller Mittel in der Heimat beraubt, um sich zu ernähren, ziehe» sie nach der großen Stadt, von deren fabelhaftem Neichthum sie hören. Sie glauben, cs müsse von dem Sonnenstrahle dcS Glückes auch ein Schein auf sie fallen. Ich brauche nicht hinzuzusetzen, wie oft und häufig die Erkenntniß eintritt, daß man sich getäuscht hat, wo man dann weder vornoch rückwärts kann. Der große Theil der Ncucingcwanderten, getränkt von Jugend aus in den Heimatlichen Anschauungen, brachte auch dieselben mit. Unwillkürlich drängten sie sich in das alte Judcnvicrtcl, ehemals genannt ״der untere Wärd", und seit der Austreibung der Juden aus Wien unter Kaiser Leopold genannt die Leopoldstadt. In dieser Vorstadt wohnt vielleicht der dritte Theil der Juten, die hier in der ganzen Stadt leben. Es gibt da Häuser und manche Gassen, wo man nur selten ein deutsches oder österreichisches Wort vernimmt, und des Freitags wimmelt es von jüdischcn Jungfrauen in der imerquicklichsten Erscheinung, die die Vorbcreitungcn für den Sabbat treffen. Ich habe diese Punkte nicht unberührt lassen wollen, da wir doch Alle in dem Punkte einverstanden sind, daß diese Verrenkungen und Verdrehungen nicht zum Jndenthume gehören. Nichts desto weniger machen diese Auswüchse viel böses Blut, und man kann eS nicht genug den Leuten sagen, daß ״güldene Acpfel auf silbernen Tellern" präsentirt werden sollen. — Die Armuth und das Elend, die Noch und der Jammer unter den eigenen. Brüdern, die früher bloS als Gäste erschienen sind, bürgerten sich nun in Wien ein. Die Bitten und die Forderungen an