Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 5 (1856)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe aus Wien
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Briese aus Wien. 47 Briefe aus Wien, u. Wenn ich von den socialen Zustande״ Wiens sprechen will, so »inst ich dabei vorausschicken, daß es liier kein eigentlich jüdisch-gesellschastlichcs Leben gibt, selbst nicht aus wissenschaftliche»! Gebiete. Es gibt hier keinen Sammelpunkt, wo Männer, denen die Interessen ihres Volkes, ihres Glaubens, ihrer religiösen Wissenschaft am Herzen liegen, sich vereinigen würden, um i»> mündlichen Gedankenaustausch eine» Gegenstand zu erörtern. Wenn nicht der Zufall bei einem Eonvcnienz- oder Freundschaftsbesuchc ans ein derartiges Gespräch fuhrt, oder eine großartige oder bedeutende Erscheinung auf jüdischem Gebiete ins Leben tritt, die das allgemeine Interesse anregt, so muß man nur zu jüdische» Büchern oder Zeitschriften Zusiucht nehmen. ES ist nicht als ob das Interesse dafür mangeln würde. Es liegt in de» allgemeinen Verhaltnisscn einer Großstadt, und Wiens insbesondere. Dazu kommt noch, daß cs bisher an einer Persönlichkeit mangelte, die es wollte oder verstäube, Männer, die für Inden und Iudcntlmm Interesse babcn, um sich zu schaarcn. In Anschlag muß auch das Moment gebracht werden, daß es hier an gesellschaftlichen Kreisen nicht fehlt, und es gibt keine, außer den streng eonsessionellcn, von denen Juten ausgeschlossen ivürden. Der österreichische Bolkscharaktcr und vorzüglich der Wiener ist gutmüthig. Er hört und macht gerne einen Witz über den Juden: aber cs geschicbt mehr der Unterhaltung wegen, als aus Bösartigkeit oder um zu verletze». Es gibt überdies unter den Wiener Juden so viele Männer von gediegenem Eharakter, von hervorragender Stellung, so viele Frauen von edlem Sinne, von wahrhaft gebildetem Herzen, daß es ganz natürlich ist, wenn man sich in ihre Häuser drängt und wenn man sie wieder gern im eigenen Hause sieht. Es gibt hier übcrbanpt sehr vielen Kunstsinn unter den Juden. Die Kunst und die Künstler ׳״erden aufs Beste von Juden unterstützt. Es ist daher auch ganz natürlich, daß alles, was auf ästhetische!» Gebiete schafft und wirkt, sich dahin wendet, wo auf Hülse und Unterstützung gerechnet werde» kann. Durch das Gesagte will ich aber nicht im Entferntesten angedeutet habe», als wenn hier unter den Juden der Sinn, für ihre Glaubensbrüder und für ihren Glauben in Abnahme sei. Im Gegcntheile, das wcrkthätige Iudenthum in seine» LiebeSwerken wird hier sehr gehegt und gepflegt, und wir können hinzufügcn, in neuerer Zeit mehr denn sonst. Es ist überhaupt der Geist der Theilnahmc für Juden und Iudenthum in neuester Zeit in bedeutender Zunahme begriffen. Die