Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Rede am Geburtsfeste Sr. Majestät, des Königs Friedrich Wilhelm IV. 15. October 1855
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829178-2829190-2854071--02560-2854084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
402 Rede am Geburtsfeste eine Manifestation des im Menschen waltenden göttlichen Geistes erblickt. Und solche Erkenntniß zu verbreiten, welche würdigere Aufgabe könnte sich diese Anstalt setzen! Als Pflegerin der Religion und deren Wissenschaft will sie. in den Jünglingen die sich ihr anvertrauen jenes höhere Selbstbewußtsein wecken, das in der rastlosen Strömung der Zeit und in ihren wildflutenden, die alten Grundsäulen unterwühlenden Wogen einen Halt an dem Glauben findet, will bestärken in jenem Durchdrungensein von dem Gottesgedanken und seinem, über unser eigentlichstes Wesen und unsere Bestimmung Aufschluß gebenden, wenn auch von uns nur schwach zu erfassenden Licht, will lebendig erhalten jene Hingebung, die im Bewußtsein der Grenzen des menschlichen Forschend, das nuI innerhalb des Gebietes seiner Anschauungen und der Kategorien seines Denkens sich bewegen kann, und dem für den es überragenden transcedenten Kreis die Auffassung und die Erkenntniß abgehet, - freudig auf die durch die göttliche Offenbarung gewordenen Lehren, Aufschlüsse und Tröstungen hört./ Wie unser Glaube Treue dem Staate, Anhänglichkeit an dessen Oberhaupt, Gehorsam gegen die Gesetze verkündet ist bekannt, und es leistet die Geschichte vieler Jahrhunderte hierfür Gewähr. Um so dunkler aber sind die Begriffe, über Pen aus diesem Glauben häufig willkürlich construirten s. g/Göttesstaat; gestatten Sie mir in einigen, wie es die Kürze der Zeit erheischt, gedrängten Andeutungen, hierüber manches Licht zu verbreiten. Der mosaische Staat wird von einem alten Schriftsteller — Flavius Josephus — mehr in frommem Eifer als mit genauer Abwägung des Wortes Theokratie genannt; dieser Ausdruck wurde von Bielen festgehalten und an ihn die sonderbarsten, das Wesen dieses Staates verkennenden und entstellenden Schlüsse gereihet. Theokratie ist Gottes Herrschaft, Gottes Verwaltung; ein theokratischer Staat ein Staat, der durch den Willen Gottes gesetzt, durch ihn geleitet und regiert wird. Einem solchen Staate, wurde nun gefolgert, gehet die vernunftgemäße Entwickelung ab: der Wille Gottes stehet als erste und höchste Potenz oben an und aus diesem Willen emaniren die Gesetze und Staatseinrichtungen; aber weil sie Ausfluß eines höheren uns unbegreiflichen Willens und nicht das Product der zürn Bewußtftin ihrer selbst und des Rechtsbegriffes gekommenen Vernunft sind, darum kann der durch sie organi-