Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Geschichte der jüdischen Religionsgespräche
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
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162 Zur Geschichte der jüdischen Religionsgespräche. Gewinn der fortgeschrittenen Cultur, daß die Ansicht, Neligions- Verschiedenheiten seien nicht durch gegenseitigen Angriff und Vertheidigung zum Ausgleich zu bringen, sich unantastbare Geltung verschafft hat; es ist hierdurch eine Phase überwunden, die weder in der Geschichte der Religion noch in der der Menschheit irgend einen Lichtpunkt zeigt. Soll man es dem Naiven früherer Tage zu Gute halten, oder hierin das Abbild der nur allmälig entweichenden mittelalterlichen Rohheit erblicken, daß man von Gesprächen über Religion — den s. g. Colloquien — den Sieg eines Glaubensbekenntnisses abhängig machen wollte? Als ob es sich um Obermacht und Unterliegen und nicht um Ueberzeugung handelte, als ob in dem Beisalle und dem Siegzuerkennen der Zuhörer sich eine Competenz für den vermeintlich Unterliegenden fände! Man war dem rohen Begriffe, der Sieg im Zweikampfe sei ein Gottesgericht, eine höhere Verkündigung der Gerechtigkeit der Sache des Siegers, noch nicht entwachsen; und den Kampf der geistigen mit dem der Körperkräste identificirend erkannte man auch in diesem momentanen Siege den der Wahrheit. Und wenn nur dieses Erkennen nicht auch eine zwingende Wahrheit mit sich geführt, Zuhörer und Zuschauer nicht zugleich Partei gewesen, wenn sie mit ihrem Urtheile des Sieges sich begnügt und Sieger und Besiegten, wie im gewöhnlichen Karnpf und Turnirspiel, sich selbst überlassen hätten! — Vergegenwärtigen wir uns ein Religionsgesprüch zwischen Mischen und christlichen Theologen im Beisein christlicher Zu- Hörer, lassen wir den in seiner Beschränktheit zu jedem Abwägen der gegenüberstehenden Gründe unfähigen mittelalterlichen Fanatismus vor unfern Augen vorüberziehen, stellen wir der winzigen Minorität der Juden die ungeheure Mehrzahl der christlichen durch ihre Theologen vertretenen Combattanten gegenüber, bedenken wir, daß jene kleine Zahl den Kampf annehmen mußte, wollte sie nicht von vorn herein sich für besiegt erklären, erwägen wir noch hierzu, daß diese Minorität, um nicht den Zorn jener Majorität zu reizen, von ihren Waffen nur einen sehr beschränkten Gebrauch machen konnte: welche spannende Angst, welches drückende Gefühl mußten solche herausfordernde, und nicht etwa nur eine Ausnahme bildende Religionsgespräche in den Gemüthern der ohnedieß von allen Seiten angeseindeten und bedrängten Juden erwecken! Daß nicht die Gesetzgebungen diese marternden und folternden Be-