Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Rabbi Meir
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 13)
- Language
- German
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100 Rabbi Meir. die halachischm Entscheidungen nicht nach ihm getroffen werden, weil seine Collegen in die Tiefe seiner eigenen Ansicht nicht einzudringen vermochten, denn er konnte Reines für unrein erklären und es durch Gründe probabel machen und umgekehrt." Das war kein sophistisches Spiel mit lustigen Möglichkeiten"), das war vielmehr die treueste Erfüllung seines Berufes als eines Referenten, der eben darin bestand, eine fragliche Sache nach allen ihren denkbaren Ausläufen und Consequenzen hin zu erörtern, ohne eine vorschnelle Entscheidüng durchblicken zu lassen. Und hier nehmen wir denn auch Gelegenheit, einzuschalten, daß der Name selbst, unter dem er überall im Talmud und in den Midraschim auftritt und unter dem wir ihn daher unfern Lesern vorgeführt haben, lediglich ein Ausdruck für die Erleuchtung und Aufhellung ist, die ihm seine Collegen verdankten und daß als sein wahrer Name Miasa oder Morse (gräcisirend für Moscheh) angegeben wird (Erubin 13d. vgl. Grätz, Gesch. der Juden, Note 29). Etwas sagenhaft klingt die Angabe, daß er einer Proselytenfamilie entstammt sei, weil sie den merkwürdigen Zusatz hat, daß kein Anderer als Kaiser Nero sein Ahnherr gewesen sei (Gittin 57b)*). — Obgleich R. Meir, wie eben berichtet worden, eine Synedrialwürde bekleidete, so war sein gewöhnlicher Aufenthaltsort dennoch nicht die Synedrialstadt Uscha. Vielmehr ist sein Wohnort Liberias, und hier war es, wo er seine vielbesuchten und gemeinnützigen hagadischen Vorlesungen, wie es scheint, jeden Sabbat zu halten pflegte, hier war es ferner, wo er bei Gelegenheit einer solchen Vorlesung auf die Nachricht, daß sein 9) Wie schon Tosafot das. bemerkt. 1) Das Gerücht, daß Nero, den Dolchen seiner Mörder entkommen, noch lebe, war zur Zeit, als zwischen Otho und Vitellius um die römische Herrschast gekämpft wurde, nach Tacitus (Ulst. 2, 8) in Achaja und Asien aufgetaucht. Nach ihm soll der Mann, der diese Ehre oder Schande sich andichtete, ein Selave aus Pontutz oder ein Freigelassener aus Italien gewesen sein, und wurde, nachdem sein Auftreten einige Verwirrung, sogar nahebei einen Partherkrieg (I׳Ii8t. 1, 2) zur Folge gehabt hatte, auf Befehl des Calpurinus Asprenas, Statthalters in Galatien und Pamphylien, niedergehauen. Somit wäre wenigstens die Möglichkeit der Entstehung einer solchen Sage, wie sie in Betreff N. .Me'lr's cursirte, gegeben. So viel ist wahr, daß eine großartige Toleranz sowohl gegen Heiden, als überhaupt gegen Andersgesinnte eine Menge seiner Sprüche durchweht, die jedoch weit eher auf Rechnung seiner sittlichen Bildung als seiner angeblichen Abstammung zu stellen sind.