Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Über die gegenwärtige Stellung der Parteien im Judenthume
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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86!Met die gegenwärtige Stellung mit dem Unglauben schon ausgefochten, daß ein Zusammenhalten nicht inehr nöthig wäre? Täuschen wir uns nicht. Wenn in den Gesinnungen ein Umschwung zum Bessern stattgesunden hat, so ist das wahrlich mehr in der Theorie als in der Praxis. Aus dem wissenschaftlichen Gebiete, aus dem Felde der Literatur ist die Alleinherrschaft der Reformsucht gebrochen — im praktischen Leben nimmt das Befolgen der Gebote Israels, die Beschäftigung mit dem Studium wahrlich nicht im gleichen Maße zu. Und wenn im Allgemeinen in der Leitung der jüdischen Gemeinden jetzt weniger Religionswidriges geschieht, weniger Oieformlust herrscht, ist damit wirklich eine Umkehr zum Bessern gegeben, ein wahrhaft jüdisch-religiöses Leben der Einzelnen angebahnt? Wohl dem, der solches zu sehen meint und wirklich sieht — wir sehen leider! Gleichgültigkeit und Mangel an jeder Theilnahme, höchstens noch die Ueberzeugung, daß, wo man öffentlich einmal Jude sein will, man besser ein alter Jude, ein ganzer als ein halber ist. Aber man will es eben nur bei gewissen Gelegenheiten, beim öffentlichen Gottesdienst, an den hohen Festtagen sein — im Uebrigen hat doch wahrlich die Beachtung der specisischen Gesetze des Judenthums nicht zugenommen! So scheint vorzüglich nur in der theolo- ^gischen Welt der Umschwung eingetreten zu sein und fürwahr, ^nichts könnte verderblicher für das Judenthum werden, als E>wenn seine Theologen, seine Otabbiner immer frommer, seine f Gemeinden immer unsrommer würden! — Soll das Schauspiel andrer Religionen in unsrer Mitte sich wiederholen, daß eine immer tiefere Kluft zwischen der Ueberzeugung der Leiter und der Geleiteten, der Hirten und der Heerde sich bildet? Dort wird die Kluft durch den mächtigen Arm des Staates überbrückt. Soll diese Brücke auch bei uns auf die Dauer geschlagen werden? Oder soll durch den noch verderblichem Wahn geholfen werden, daß nur der Rabbiner ein wahrer Jude sein müsse, und die Gemeinde, im Unglauben beharrend, durch den frommen Rabbiner allein den Anforderungen Israels genüge? — Während demnach jede Kraft, jede Thätigkeit gemeinsam auf das eine große Ziel gerichtet sein sollte, jüdisches Leben und jüdische Gesinnung und jüdisches Wissen in den Gemeinden zu wecken, soll die Zahl der Parteien immer größer, die Zahl ihrer An- Hänger immer kleiner werden? Wir wissen wohl wie die Sprache der Entschiedenen lautet,