Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1855-01-01 · Heft 2 · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
4 (1855)
Issue
Heft 2
Article
Briefe aus Berlin
Date
1855-01-01
Page
Seite 57 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829178-2829181-2853547--02122-2853574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Briese aus Berlin. 57 2/3 beisteuert. Neben dieser Schule rief der Vorstand eine Neligionsschule ins Leben für Kinder beiderlei Geschlechtes, die an Gymnasien und andern gemischten Schulen ihren Unterricht erhalten. Obwohl sie erst ein Jahr besteht, so hat sie doch unter der tüchtigen Leistung des vr. Posin schon so viel Anziehungskraft ausgeübt, daß die Zahl der Zöglinge — Anfangs nur 71 — sich beinahe verdoppelt hat. Freilich sind die für den Religionsunterricht festgesetzten Stunden so knapp zugemessen, daß nur ein Minimum des Erforderlichen gelehrt werden kann; allein schon das factische Bestehen einer Religionsschule trägt dazu bei, ״daß die Lehre nicht vergessen werde". Können die Bestrebungen zur Hebung des Judenthums in der Neuzeit vor der Hand mehr erzielen, als daß es dem Heranwachsenden Geschlechts nicht ganz aus dem Gedächtuisse schwinde? Als wollte die Weltlichkeit sich an der Religion dafür rächen, daß diese ihr in frühern Zeiten nur einen sehr beschränkten Spielraum und nur die Dämmerungszeit zwischen Tag und Nacht gelassen hatte, nimmt sie jetzt die ganze Tageszeit in Anspruch und gönnt ihrer Rivalin kaum ein Stündchen. Soll die Religion nicht länger als Bettlerin behandelt werden, der man eine Kleinigkeit zuwirft, sondern den Rang als Segenspenderin einnehmen, so wird sich das Bedürfniß nach Consessionsschulen immer mehr herausstellen. Warum soll eine Gemeinde wie die Berliner nicht ein jüdisches Gymnasium eben so gut haben, wie sie eine höhere Bürgerschule hat? Gibt es nicht evangelische und katholische Gymnasien? Oder sind wir noch so weit zurück, dem'Speciflschjüdischen die weiteste Geltung zu versagen? Dann Hab das Judenthum allerdings noch die große Aufgabe der inner» Mission zu lösen, seine Bekenner dahin zu bringen, daß sie sich nicht bei-jedem Schritte seiner schämen. Es war daher meines Dasürhalteus ein übereilter Schritt vom abgetretenen Vorstande, daß er das Lehrerseminar bei seinem Antritt sofort schließen ließ. Jnconvenienzen und Mängel au einer Anstalt berechtigen noch nicht zu deren Auflösung, sondern fordern höchstens zu einer Reorganisation auf. Die Berliner Gemeinde hatte die Pflicht, eine solche Anstalt zum Besten der preußischen Gemeinden zu unterhalten, und wenn die Mittel im Jahre 48 wegen der Fiuanzkrifis nicht ausgereicht haben, so hätte die Talmud-Thora, die über bedeutende Capitalien zu verfügen hat, den Beutel öffnen sollen. Ich spreche dieses im Sinne vieler ehrenwerkhen Gemeindeglieder, die es sehr bedauern, daß das Lehrerseminar im ersten Stadium seiner Entwickelung unterdrückt wurde. — Auch eine Unterlassungssünde lastet schwer auf der Verantwortlichkeit des Vorstandes, daß er nicht alle Energie aufgeboten hat, einen großen ansprechenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.