Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe aus Berlin
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Briefe aus Berlin. Briefe aus Berlin. V X. (vglvor. Jahrg.) ES ist nun einmal das fatale Loos der Geschichtsschreiber gegenwärtiger Zustände, daß sie stets hinter der Geschichte Zurückbleiben, wenn sie sich auch noch so sehr beeilen, gleichen Schritt mit ihr zu halten. Sie glauben an einen Abschluß gekommen zu sein, wo sie Halt machen können, aber schon im nächsten Augenblick reißt sich ein Schneeklumpen von der Firn los, wird zur Lawine, richtet Verwüstungen an und so bekommt der Geschichtsschreiber die sauere Arbeit, von neuem die Katastrophe und ihre pragmatische Verknüpfung zu erforschen und zu ־ erzählen. Als ich Ihnen den letzten Brief zukommen ließ, dachte ich die Geschichte der Berliner Gemeinde unter dem conservativen Vorstand in epischer Behaglichkeit zu erzählen, und siehe da, dieser Vorstand und seine Thaten gehören jetzt schon der Vergangenheit an, andere Männer und andere Tendenzen sitzen jetzt an Kahals Tisch und bilden die Breite der Gegenwart. Lassen Sie mich also, während die handelnden Personen ein neues Gemeinde-Regulativ berathen, noch kurz das letzt Geschehene nachholen, damit Sie im Laufenden bleiben sollen. — Ohne ein Lobredner des jetzt abgetretenen Vorstandes sein zu wollen, darf ich nicht verschweigen, daß, so kurz auch seine Wirksamkeit seit seinem legalen Bestände war, und so viele Hindernisse er auch zu überwinden hatte, er manche dauernde Schöpfung hervorgeruseu, die für die Berliner Gemeinde segensreich zu' werden verspricht. Und hätte er auch nur die Knabenschule reorganisirt, deren Gebrechen ich wahrhaftig nicht übertrieben habe, so würde er sich dadurch allein -ein Recht auf die Dankbarkeit der Gemeinde erworben haben. So hat doch endlich die Berliner Judenheit eine ihrer würdige Lehranstalt für die männliche Jugend! Nicht blos der Religionsunterricht — hebräische Grammatik, Tenach und Mischna mit eingeschlossen — wird jetzt von Wissenschaftlichen Männern in einem ganz andern Geiste gelehrt, auch die allgemeinen Lehrgegenstände werden unter dem tüchtigen Director Herrn Horwitz und den Hülsslehrern auf eine Geist und Gemüth befruchtende Weise den Kindern beigebracht. Für den Werth der Schule spricht schon der Umstand, daß sie während des kurzen Bestandes eine größere Schülerzahl erhalten, neue Klassen einführen und mit den eingehenden Schulgeldern einen Theil der Ausgaben decken konnte; das Budget der Knabenschule beträgt über 4000 Thaler, wofür die Gemeindekasse nur