Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Rede bei der am 28. Januar 1855 stattgehabten Gedächtnisfeier am jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 6)
- Language
- German
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50 Rede bei der Gedächtnißsenr Denken: der Glaube ist mit seinem innersten Wesen so verwachsen, daß ihin ein Sein ohne ihn, ohne Gott, nicht denkbar ist. Und dieser Glaube in seiner Einfachheit und seiner für sich sprechenden Wahrheit umwandelte sich ihm in Ueberzengung: seine Sprache, die hebräische, hat für den Begriff ״Glauben" keinen entsprechenden Ausdruck*). Auf das große Wort: ״Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott" folgt unmittelbar: ״Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele". Denn wo ein aus dem Innersten zur Ueberzeugung sich gestaltender Glaube, da tritt an die Stelle des Glaubensbegriffes der der Liebe;: und es konnte auch der Israelit, wie stch immer die Zu- und Umstände gestalteten, welche trübe Erfahrungen er machte, seinen Gott nur in dem Verhaltniß eines liebenden Vaters denken. Selbst die alle Aeonen bewältigende und durchzitternde Ankündigung: אהיה אשר אהיה syo sch.!. 0 <äv ״ich bin der Seiende", eine Ankündigung, die die neuplatonische und peripatetisch-spanische Schule als das allein von Gott, dem sie keine Eigenschaft und Attribut zuerkennen wollte, Auszusagende betrachtete, setzte sich der die innersten Tiefen des Geistes und des Gemüthes ausfüllende Glaube in seine Sprache um, in die Sprache der in Gott nur denkbaren Liebe: אהיה אשר אהיה ״ אהיה עמהם בצרה זאת אהיה עמר,ם בצרה'אחרהich bin der ich bin, ich bin mit ihnen in diesem Leiden, ich bin mit ihnen in jedem andern Leiden": in jeder Verkündigung von Gott ist Liebe der Grundgedanke, sie die eigentliche Offenbarung. Und dieser in solcher Ausströmung der Liebe erfrischende und erquickende Glaube prägte sich auch nach seinem Wesen und Gehalt den Beziehungen des Menschen zum Menschen aus. Milde, Mitleiden, Barmherzigkeit werden allgemein in seinen Anhängern erkannt: vom Familienleben beginnend, dessen Innigkeit durch den Glauben getragen und zu erstaunenerregender Opferfähigkeit erhöhet wird, ergießen sich die sanfteren Gefühle nach allen Richtungen hinaus. Die Würdigung des Menschen nach seiner göttlichen Ebenbildlichkeit und feiner höheren Bestimmung kam selbst in den von Menschen erlittenen tiefen Unbilden nicht abhanden: in den düstersten Tagen wurde der durch alle Trübnisse der Zeiten leuchtende Satz aufgestellt: *) Vgl. vor. Jahrgang S. 262.