Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Briefe aus Mähren
- Date
- 1853-01-01
- Page
- 387 (sequence 3)
- Language
- German
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Briefe aus Mähren. 387 treiben. Das Privilegium erbte sich fort vom Vater auf denSohr^ und so bildete sich der eigene Typus eines Dorfjuden heraus. Das ganze Jahr lebt er im Dorfe, umgeben von Bauern, ihre Sprache — die slavische — redend, einen Theil ihrer Sitten und Lebensweise annehmend, ihr Freund, Rathgeber und Helfer. Obwohl er bis auf die neueste Zeit keinen Ackerbau treiben konnte, so macht er doch alle Phasen des Ackerbaues mit. Die Dorfbewohner erscheinen täglich bei ihm, um ihre Einkaufe zu machen oder ihren Durst zu befriedigen, und unterhalten ihn über die Entwickelung der Saaten vom Herbste bis zur Erntezeit. Allmalig lebt sich der Dorfjude ganz in die Sitten seines Wohnortes ein, und nur seiner Religion hat er es zu danken, daß er die Bauern an. Cultur und Bildung übertrifft. Seine Frau und Kinder können den Einflüssen des Dorftedens nicht entgehen; die Erstere unterscheidet sich selten in ihrer Tracht von den Bäuerinnen und die Letzteren sprechen zuerst die Sprache der Docfjugend. Vor Allem muß der D orsjude trachten, sich die Gunst des Geistlichen und des Schullehrers zu verschaffen, da Beide einen großen Einfluß auf den Bauern ausübm, ja deffen Willensrichtung fast ganz beherrschen. Zur Ehre der katholischen Dorsgcistlichkeit muß es gesagt werden, daß sie mit wenigen Ausnahmen den Dorfjuden schützt und nichts Böses gegen ihn unternimmt. Ueberhaupt ist die niedere katholische Geistlichkeit toleranter als die redefertige protestantische. Nur einen Gegner hat gewöhnlich der mährische Dorsjude — in dem christlichen Wirths- Hausbesitzer, der ihn durch kleinliche Neckereien quält, und es ist nur dem vermittelnden Einflüsse des Dorsgeistlichen zuzuschreiben, wenn der christliche Eoncurrent nicht den Judenhaß gegen seinen Gegner erfolgreich ausbeuten kann. Das häusliche Leben des Dorfjuden ist einfach. Er ist selbst Schochet oder halt Einen, der zugleich die Kinder unterrichtet, die auch zuweilen nach der benachbarten Gemeinde, besonders im vorgerückten Alter, geschickt werden. Der׳ Sabbat wird streng beobachtet, wie über- Haupt der mährische Dorfjude conservativ in seiner religiösen Gesinnung ist. Ein Knabe wird gewöhnlich als Nachfolger bestimmt; die übrigen Söhne werden in der Regel der Wissenschaft gewidmet, da der mährische Dorfjude viel aus jüdisches Wissen hält und sein höchstes Ideal ist, einen feiner Söhne als Rabbiner glänzen zu sehen. Oft geschieht es, daß dcr aus einer großen Stadt heimkehrende Sohn durch eine freiere religiöse Richtung einen Mißton in das Stillleben des Dorfes bringt, worüber besonders die zärtliche und besorgte Mutter sich härmt und kränkt. Eine Epoche für den mährischen Dorfjuden bildet das Neujahrfest und der Versöhnungstag. Da verläßt er fein Dorf mit seiner Frau und den erwachsenen Kindern und zieht in die nahe gelegene Gemeinde, zu der er gewöhnlich gehört, um die hohen Feste zu feiern. Die Städter-thun