Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1853-01-01 · Heft 10 · p. 386

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
2 (1853)
Issue
Heft 10
Article
Briefe aus Mähren
Date
1853-01-01
Page
386 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829150-2829161-2852645--01256-2852675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

386 Briefe aus Mähren. die auf 52 Gemeinden vertheilt sind — so muß ihre Bevölkerung in früheren Jahrhunderten noch dichter gewesen sein, da in vielen Städten große Gemeinden lebten, die später durch Kriege, Unduldsamkeit und Vertreibungen theils umgekommen und theils versprengt worden sind. Ja, im Anfänge des Jahres 1745 lief die Gesammtheit der Juden Mährens Gefahr, ihr Vaterland verlassen zu müssen, da ein Edict vom 2. Januar dieses Jahres ihnen befahl, bis Ende Juni sich eine neue Heimat zu suchen; allein der Himmel breitete seine schirmenden Fittige über die Schutzlosen aus und das Edict ward am 15. Mar desselben Jahres zurückgenommen. Haben die Juden Mährens ihr Contigent zur allgemeinen jüdischen Leidensgeschichte gestellt, indem die Wechselfalle der Kriege in Böhmen und Ungarn ihnen nur Niederlagen verursachten, so verdienen sie auch einen ehrenvollen Platz in der Cultur- und Literaturgeschichte. Proßnitz und Brünn hatten jüdische Buchdruckereien, aus ersterer Stadt zogen Seher nach Krakau, um dort im ״heiligen Dienste" der Typographie thatig zu sein, und berühmte Rabbiner und Gelehrte hatten theils in Mahren ihren Sitz oder gingen aus demselben hervor, um in anderen Ländern ein Feld für ihr Wirken und Schaffen zu finden. Nikolsburg sah an der Spitze seiner Gemeinde Lipmann Heller, Abraham Broda. David Oppenheimer u.A. und das mährische Landesrabbinat ward bis auf die neueste Aeit mit talmudischen Koryphäen besetzt. Ueberhaupt war und ist Mahren heute noch wegen seiner ausgezeichneten Talmudisten berühmt, die nicht blos unter fungirenden Rabbinen sondern auch unter Privatmännern zu suchen sind. Der Letzte dieser Koryphäen war der reiche, vor einigen Jahren gestorbene Privatmann Moses Kaz Wanne fried in Proßnitz, der bis aus die letzten Jahre seines Todes eine zahlreiche Jeschiba batte, der er einige Vormittage in der Woche Vortrage über das höhere Talmudstudium hielt, die sich durch glänzenden Scharfsinn und feine Combination auszeichneten. 11. Gestatten Sie mir, ehe ich zur Schilderung der Gemeinde-, Schul- und socialen Verhältnisse der Juden in Mähren übergehe, eine kleine Idylle oder' das Stillleben eines mährischen Dorfjuden zu beschreiben. Die Gegner der Juden, welche mcht müde werden, den jüdischen Particularismus als einen Felsen zu schildern an welchem jede Gleichstellung scheitern müsse, mögen diese Figur genau betrachten. Es gibt in Mähren viele Dörfer, wo einzelne Juden von den Gutsherren, die bis auf die Reorganisation des österreichischen Staates eine größere Machtvollkommenheit besaßen, das Privilegium erhielten, daselbst zu wohnen, Fleisch, Tabak, Branntwein, Bier u. dgl. zu verkaufen und überhaupt Handel zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.