Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 6)
- Language
- German
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86 Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung. gehört, auf das Studium der logischen, mathematischen und Naturwissenschaften geführt, so wurde die Kenntniß dieser und so mancher anderen wissenschaftlichen Disciplinen auch von der Halacha selbst bedingt, die ja in fast alle Wissenszweige eingreift. Die sogenannten externen Wissenschaften tvnrdcn aber nicht blos in eignen Werken behandelt, sondern nehmen auch in den Schriften der anderen obengenannten Fächer einen nicht unbedeutenden Raum ein. — Neben den scharfsinnigsten Erklärungen dunkler Bibelstellen, neben den spitzfindigsten halachischen Deductionen, in Begleitung tiefsinniger philosophisch-dogmalischer Lehrsätze, finden sich zuweilen Lösungen schwieriger, mathematischer Probleme, Aufhellungen über unbekannte Momente in der Geschichte und Chronologie, Belehrungen über Gegenstände aus der Welt- und Länderkunde, Physiologie und Anatomie u. s. w. -- Glauben und Wissen erscheinen ja überhaupt im Judenthume nicht getrennt, sondern bilden gleichsam die Urthatsache alles religiösen Bewußtseins; auch in dessen Literatur treten fie daher formell vereint mit einander auf. Gottesfurcht ist die Seele und wissenschaftliche Erkenntniß der Geist, wovon das ganze jüdische Schriftenthum durchdrungen ist. So hatte düs verflosseneJahrtausend mehr denn lOMO Schriften von jüdischen Autoren in den verschiedensten Fächern entstehen sehen, von denen wohl über 5000 zum Drucke befördert wurden. Doch das Wiederaufblühen der classischen Wissenschaften in Italien im 15. Jahrhundert, die dadurch entstandene allmälige Zurückdrängung der arabisch-aristotelischen Philosophie, endlich die Vertreibung der Juden aus Spanien, deren zunehmettder Druck in den nordischen und slavischen Ländern, sowie noch manche cültur- und weltgeschichtliche Ereignisse wirkten störend auf die Fortbildung der jüdischen Wissenschaft. Man vermißte immer mehr Selbstständigkeit in Aufstellung von Doctrinen und Ertheilung von Entscheidungen. Auch in philosophisch-dogmatischen Werken trat man selten mehr mit eignen Beweisen auf, bemühete sich auch tvrnig die hervorgebrachten älteren Beweise etwa neu zu begründen, sondern berief sich hierbei meist auf die früheren Autoritäten, deren philosophische Ausspräche man sogar gläubig hinzunehmen postulirte. — Jahr- Hunderte aber vergingen, ehe man des beginnenden Verfalls sich wirklich bewußt wurde. Man glich einem Wanderer im Wal-