Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 3)
- Language
- German
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Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung. 83 als „vom Sinai empfangen" betrachtet wurden, genügte nicht. Das Fundament der Gesetzgebung sollte man stets vor Augen haben; die großen Wahrheiten und geschichtlichen Thatsachen, welche in der h. Schrift gelehrt und mitgetheilt werden, sollten in des Volkes Munde sich erhalten. Nicht minder bedurfte auch die sich immer noch fortbildende Tradition genaue Kenntlich und stete Vergegenwärtigung der h. Schrift, um für alle neuvvrkommende Fälle, für viele nicht tradirte Aussprüche, ja selbst häufig für Sitte und Herkommen, für Brauch und Lcbensregcln Stütze und Anlehnung in Schriftstellen zu finden. Bei den talmudischen Autoren zeigt sich auch darum eine mitunter staunenswerthe specielle Bibclkcnntniß, die sogar mit der ungrammatischen Auffassung einzelner Stellen contrastirt. — Nachdem aber durch Abschließung des Talmuds die Tradition in ein Festes nnd Gegebnes sich verwandelt hatte, mußte aller Fleiß und alle Anstrengung uothwendig auf tieft und gründliche Erforschung des nun auch schriftlich strirten sogenanuten „mündlichen Gesetzes" verwendet werden. Jetzt war man eigentlich erst im Stande den ganzen Umfang jenes Riesenbaues zu übersehen, wozu die Männer der großen Versammlung, etwa vier bis fünf Jahrhunderte vor der Tempelzerstörung, in einigen kurzen Apophtegmen den Grund gelegt hatten. Man erkannte nun wohl, daß eine völlige Versenkung in dieses Studium vonnöthcu sei, um das gesammte tradirte Material in sich aufzunehmcn, zu verarbeiten und dessen Verständniß den künftigen Geschlechtern zu bewahren. Dieser Beschäftigung gab man sich um so lieber hin, als der Stoff den mau behandelte ein aus unsäglichen Gefahren und Verfolgungen gerettetes geistiges Gut war, das Jahrhunderte hindurch in dem Munde einer so großen Anzahl von Personen, die weder gleichzeitig lebten noch in ihren Aussprüchen miteinander übereinstimmten, fast wundersam sich erhalten hatte). Ein während der ganzen Lebenszeit fortgesetztes Studium der heil. Schrift nahm daher ab; man begnügte sich einen Theil der Jugendjahre noch darauf zu' verwenden (Vgl. N. Meir Halevi bei I. Karo zu Tur Jore Dea 246.). In den schriftlichen Urkunden der Tradition fand man ja auch 1) Im Buche Juchasi werden nur allein 172 Männer genannt, von denen Aussprüche in Mischna und Beraitta enthalten sind, sowie gegen 1100 in beiden Gemaren vorkommende Lehrer. Diese Anzahl ist aber in Folge neuerer Forschungen mehrfach zu ergänzen.