Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Essäer nach talmudischen Quellen
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
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Wissenschaftliche Aufsätze. 69 Spemlation (fromme Praxis stehet höher als fromme Theorie). Und der dritte Spruch sagt: ״Wer von Menschen geliebt, der ist auch von Gott geliebt, und mit wem sich nicht Menschen befreunden können, dem ist auch nicht Gott befreundet" (Abot 3, 9. 10). Will man vielleicht in den ersten zwei Sprüchen, die die Speculntion etwas zurückdrängen, eine essäische Tendenz erblicken, so waltet in ihnen doch mehr eine tieft Wahrheit vor, die von Jedermann, auf welchem Standpunkte er sich befinde, als Stern und Leiterin betrachtet werden muß; und welcher wahrhaft fromme, humane Sinn lebt in dem dritten Spruche! Dieser humane Geist dürste bei den extravaganten, in Abgeschiedenheit von der Welt lebenden essäischen Kolonie, von der Josephus, Philo und Plinius sprechen, schwerlich zu finden sein; wohl aber bei jenen wahrhaft Frommen und Bescheidenen (חסידים, צנועין), die sich nicht von Menschen zunrckzogen, die unter dem Volke lebten und es zu veredeln suchten. Und doch hat sich von diesem hochgeachteten und bewunderten 91. Chanina keine Halacha, keine Lehrmeinung erhalten! Sollte er eine solche gar nicht aufgestellt haben! Und es wird doch auch (Ber. 34) von ihm erzählt, daß er sich des Studiums halber zu 91. Jochanan ben Saecai begeben! Und dieser Erscheinung begegnet man auch bei andern als חסיד Benannten und Geachteten; es wird ihnen Wunderbares nacherzählt — aber mit wenigen Ausnahmen keine Halacha^). Es tritt aber gerade hier wieder das Selbstbewußtsein der Forschung hervor, die jeden andern Einfluß als den rein geistigen abwehrte; sie hielt es im Interesse der Freiheit des Forschens, dem nicht Wunder imponiren und höhere Eingebung die Lösung geben soll, für angemessen, die Meinungen jener Männer, deren Gewicht durch das aus einem andern, dem Studium an sich fremden Gebiete, erworbene Ansehen verstärkt und hierdurch ein, die Forschung hemmendes und auflösendes Moment herbeigezogen werden konnte, stillschweigend zu übergehen 8 9). Mit diesem 91. Chanina und einem etwas spätern Zeitgenossen gelangte der Essäismus zu seinem Schlüsse. Als 91. Chan. b. Dofa starb, berichtet die Mischna (Sota 9, 16), hörten aus die Männer der That — אנשי מעשה —; als 91. Jose Ketinta starb, hörten auf die Lhasidim — חסידים —. Diese beiden Benennungen findet man auch 8) Vgl. weiter N. Jose Ketinta. Vgl. auch R. Pinchas b. Zakr j. Demai 1, 3. Cholin 7b. 9) Baba Kamma 103 wird angegeben, daß das zuweilen vorkommende סעעד, בחסיד *למד sich mitunter auf den häufig genannten Mischnalebrer R. Jebuda b. Jlai beziehe. Dieses חסיד ist aber nicht als Effäer und Wunderthä'ter, sondern als ״Frommer" zu nehmen, und auch Rasch! bringt es nur hiermit in. Verbindung. Vgl. weiter.