Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 9)
- Language
- German
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Die neuere jüdische Silevaiut und ihre Bedeutung. 49 darum in Mischna und Talmud mitgetheilt, nicht etwa, daß man in der Pra.riS darnach sieh richte: hier gilt ja Majorität als Grundsatz; nein, damit künftige Generationen einen Stütz- oder Anlehnungspunkt Hasen (לסמוך עליו) und sehen, wie der Geist der alten Zeit arbeitete, in tvelchen Meinungs-Differenzen er sich kund gab, und man daraus lerne, mit eignem Geiste zu forschen und für die Fälle, wo keine tradirte Entscheidung vorliegt, ein richtiges Urtheil sieh bilde, analog den Acußerungen früherer Lehrer. (Vielleicht wäre hierdurch die so schwierige Mischna Ediot I, 5. zu erklären!) — Jeder Zeitraum in der jüdischen Geschichte hatte darum seine Literatur, die das Gepräge ihrer Zeit an sieh trug und von der vorangegangcuen und nachfolgenden sieh unterschied. Wie schon die Talmudisten bemerken, daß zwei Propheten nicht in derselben Weise ihre Visionen wiedergeben, so ist dies in noch höherem Maaße hinsichtlich der Zeitperioden der Fall. In den biblisch-historischen Büchern spAgclt sich der Geist zum Theil anders ab als in den prophetischen, da wieder anders als in den hagiographischen; größere Veränderung tritt ein in den apokryphischen, wenn wir sie hinzuzählen wollen. Die talmudisehen Schriften, in ihren verschiedenen Nüancirungeu, haben wieder ein eigenthümliches Gepräge; als Ausläufer reihen sich hieran die mannichfachen Midraschim, die in ihren Anschauungen und Ausmalungen schon von dem eigentlichen Talmud sich unterscheiden. Später abgefaßte Paraphrasen, Sagen- und Historienbücher vermehren das Mitgetheilte wieder mit neuen, aus Wahrnehmungen und Begebenheiten ihrer Zeit geschöpften, aber selbstständig verarbeiteten Zusätzen und Erweiterungen. Seit dem 11. und 12. Jahrhundert treten Bibel-Commentare auf, welche meist das in den Talmuden und Midraschim enthaltene Material mit neuem Geiste durchdringen, es excerpiren oder nach dem Geschmack und nach den Bedürfnissen, denen sie zu entsprechen hatten, reproduciren und überhaupt neue geistige Ingredienzien, die sie die vorgeschrittene Wissenschaft ausfinden ließ, hineinbrachten. Spätere Zeiten veranlaßten zum Verständniß jener Commentare wieder die Abfassung von Superkommentaren, worin manche in Erstcren gleichsam nur wie Saatkörner Hingestreuete Ideen befruchtet, mit neuen verbunden und sodann wieder zu frischem Wachsthume befördert wurden. Als die Commentare einförmiger wurden oder zum Theil in Buchstabenberechnungen ausarteten, entstanden wieder die sogenannten ״Moral- und