Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuere jüdische Literatur und ihre Bedeutung
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
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Die »euere jüdische Literatur und ihre Bedeutung. 47 aufgefangene und in Schriften festgchaltene Geist nicht etwa vcrkruste nnd versteinere, sondern immer flüssig erhalten bleibe und die Menschheit durch ihn und an ihm sich belebe, bedurfte es noch eines besonder» Trägers oder Gefäßes; eS mußte vor Allem im Bewußtsein ausgenommen werden, daß eine durch gleiche Abstammnng und Erinnerungen, durch gleiche Anschauungen und Pflichten möglichst homogene und darum zu Erstrebung desselben Ziels sich besonders eignende Gemeinschaft berufen sei, um ans der Quelle jenes Geistes, der göttlichen Lehre, unaufhörlich zu schöpfen, Liesen Geist in sich aufzunehmeu und mit dem eignen Geiste zu durchdringen und zu beleben, ihn so von Geschlecht zu Geschlecht zu tragen bis die ganze Erde davon erfüllt sein wird, wie Wassertropfen das Meer bedecken. Dies ist die Idee der Erwählung des Volks Israel; darum heißt es in der angezogenen Midraschstclle, ״daß diese Idee der aller andren Träger des Geistes voranging" (מחשבתן של ישראל קרמה לבל דבר) . Die in den׳ heiligen Büchern niedergclegten Hoheit Lehren und Wahrheiten würden einflußlos und untvirksam, daher ohne Bedeutung geblieben sein, wenn der menschliche Geist (hier personificirt als ״Volk Israel") nicht da wäre, sie in sich aufznnchmen und zu verarbeiten. — l Sie sehen hieraus auch, w. Freund, wie der Erwählungsbegriff, der so häufig zum Stein des Anstoßes ward, durchaus keine materielle Bedeutung hat, sondern reingeistkg zu fassen ist. Der Geist bedurfte eines Gefäßes, das ist der Lehre oder heiligen Schrift, und diese bedurfte zur Handhabung das israelitische Volk, damit einst die ganze Menschheit davon durchdrungen werde,., ״denn von Zion wird ausgehen die Lehre, das Wort Gottes von Jerusalem (Jes. 2, 3.). So sagen wir ja in unserm täglichen Morgengebete: ״Du hast uns Deinem großen Namen nahe gebracht (d. h. uns erwählt) durch Wahrheit, um Dir zu hul- Ligen und Deine Einheit in Liebe anzuerkennen" (also Annahme und Verkündigung der göttlichen Wahrheiten ist Zweck der Erwählung). Wenn daher neuerdings wieder Lutterbeck (die ncutcstamcntlichen Lehrbegriffei, 135.) die ״Erwählung desisraelitischen Volks" neben ״Gott" und ״Gesetz" als Grunddogma des Judendhums hingcstellt, so irrt er; die Erwählung des israelitischen Volks ist nur Ausfluß und Folgerung des Dogma's vom göttlichen Gesetze, denn kein Gesetz ohne Volk, ebenso wie kein Volk ohne Gesetz, wie ich Ihnen eben erläuterte; das israelitische Volkist nur das Mittel zur Erhaltung der