Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1851-1852)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1851)
- Article
- Briefe aus London
- Date
- 1851-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe aus London. 107 Willen ihres himmlischen Vaters, mit Ergebenheit und Geduld und tröstete dabei ihre Mutter mit Worten der Heiterkeit und der Hoffnung. Wir sagten, ihr Leben hätte nichts an sich was es merkwürdig mache; sicherlich, wir irrten uns, ihr geduldiges, fleißiges, aufopferndes Leben war nicht nur durch seine Heiligkeit, sein Talent und seinen hohen Zweck, sondern auch durch seine ernste und schöne Einfachheit und vollkommene Weiblichkeit, merkwürdig. Als die Zeit $1t ihrer Abreise nach Deutschland Heraugekommen war fanbcn ihre Freunde es schwer, von ihr Abschied zu nehmen, denn sie glaubten, es würde das letztemat sein daß sie je diese zarte abgemagerte Hand drücken würden, jedoch ihre hellstrahlenden Augen und ihr hoffnungsvolles Lächeln ließen sie gegen alle Hoffnung hoffen. Sie verließ England am 16. Juni 1847, verweilte einige Wochen in der Stadt Frankfurt und reiste dann nach den Bädern zu Laugenschwalbach. Doch weder die Bäder, noch die Mineralwasser brachten ihr Erleichterung; einst in der Nacht wurde sie von heftigen Krämpfen überfallen, und den folgenden Tag wurde sie wieder nach Frankfurt geschafft. Fest überzeugt, daß Genesung nun unmöglich sei, erwartete sie ruhig uub gefaßt die Ankunft des Todes, und obschon die Sprache sie ver- Lassen hatte, so war sie doch im Staude ihre Bedürfnisse und Wünsche durch Zeichen mitzutheiten. Ihr sehnlichster Wunsch war der, ihre Mutter zu trösten; und wenn auch ihre Zunge sich weigerte ihr Amt zu verrichten, so flehten doch jene abgezehrten Finger die Mutter au, geduldig zu sein und Gott zu vertrauen. Sie pflegte auch zuweilen irgend einen werthgehaltenen Vers aus der Bibel oder einen inniggeliebten Psalm zu nennen, den sie laut vsrgeleseu zu haben wünschte. Die letzte Bewegung, die ihre Finger machten, war, um die Worten ,,Obschon er mich tödie, doch will ich auf ihn vertrauen" (Hiob 13, 15), zu buchstabiren; und als auch diese ihrem Willen nicht mehr Folge leisten wollten, so pflegten ibre liebenden Augen ihre Mutter zu suchen und dann auftvärts zu blicken, audeuteud, daß sie sich einst wieder begegnen werden. Sie starb im September des genannten Jahres und ruhet auf dem jüdischen Friedhose zu Frankfurt am Main. Ihr Grab bedeckt ein Stein mit der Inschrift: ,,Preiset sie nach den Früchten ihrer Hände, ihre Werke werden sie loben in den Thoren" (Spr. 31, 31). Ihr Tod wurde von den Juden, sowohl in England wie in Amerika, tief betrauert; auswärtige Gemeinden ergossen sich in Klagen. Privatsreunde drückten ihren Schmerz in Prosa oder Poesie aus, und die verschiedenen'Journale beider Hemisphären sprachen von ihr mit der Achtung und Bewunderung, die sie so reichlich verdiente.