Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1851-1852)
- Issue
- Heft 2 (November 1851)
- Article
- Briefe aus London
- Date
- 1851-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Briefe aus London. die ganze jüdische Armenbevolkerung zusammengedräugt^ lebt, den man selbst besucht haben muß, um von der Enge und Unsauberkeit der Gassen, der Stickigkeit der Atmosphäre, dem lärmenden Kleinhandelsverkehr und dem wüsten betäubenden Jargon, der dort von allen Seiten auf das Ohr eindringt, auch nur einen entfernten Begriff zu haben. Die Gasse, in der die Schule gelegen ist, heißt Bell-Laue; der StadLtheil Heitalsfields; natürlich im östlichen Theile der Nesidenz. Sanitätische Rücksichten hätten vielleicht die Wahl einer anderen Lokalität empfehlen können; aber eine dem beabsichtigten Zwecke mehr angemessene hätte nicht leicht gefunden werden können. Von scheinbar unbedeutendem Anfänge ist die Anstalt erst sehr altmälig zu ihrer jetzigen Ausdehnung erweitert worden. Ihre Geschichte führt um mehr als ein. Jahrhundert zurück. Um diese Zeit nämlich wurde von einzelnen Wohlthätern eine Schule gegründet, genannt NUN תלמוד, in welcher 21 Armenkinder unterrichtet und gekleidet wurden, und die es sich dann angelegen sein ließ, die Zöglinge nach absolvirtem Census auch in einem Geschäfte oder Gewerbe unterzubriugen. Allein, obgleich hiermit kaum dem atterd-ringendsten Bedürfniß abgeholfen war, so währte es doch bls zum Jahre 1817, ehe ernstliche Vorkehrungen zu einer allgemeinen Erziehung des ärmeren Theils der israelitischeu Jugend getroffen wurden. Damals wurde eine Anstalt gegründet, die für die Aufnahme von 27(1 Knaben bestimmt war, und in welcher diese von einem Lehrer im Hebräischen und in den Elementar- Wissenschaften unterrichtet wurden. Dieser Lehrer wurde in seiner mühevollen Pflicht von einer Anzahl sogenannter ,,Monitors" unterstützt. Es wird Vielen Ihrer Leser bekannt sein, daß nach dem in diesem Lande früher allgemein, und zum Theil noch jetzt befolgten Lehrsystem Joseph Lancasters in Anstalten mit beschränkten Fonds einzelne Zöglinge, die sich durch Fassungskraft und Fortschritte auszeichneten, dazu verwendet wurden, um ihren weniger vorgerückten Mitschülern nachzuhelfen und sie unter der Controle der angestellien Lehrer zu unterrichten. Solche lehrende Zöglinge heißen ״Monitors". Ueber die Zweckmäßigkeit dieses Systems kann es nicht schwer sein zu einem entschiedenen Urtheit zu kommen, wenn man erwägt, daß die Monitors in ihren Kenntuiffen den von ihnen unterrichteten Mitschülern nur um ein Unbedeutendes voraus waren; das; sie im Alter mit diesen ungefähr gleichstauden, und somit weder intellektuell noch physisch im Stande waren, sich Autorität zu verschaffen oder die Disciplin ausrecht zu erhalten. In der That aber war das Monitoriat-System nur ein Nothbehels, zu dem man aus Mangel an Mitteln griff, und den man als sehr zweckmäßig pries, mit weil man nicht gleich im Stande war, diesem Mangel abzuhelftn.