Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Der literarische Kampf um die Emanzipation in den Jahren 1816-1819
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 652 (sequence 8)
- Language
- German
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652 Selma Sara Tåubler-Stern sellschaft lebenden, vom Herrscher allein abhångigen Stand sah, den man fur alle Experimente des Merkantilismus, fiir Verlag und Fabrik, fur Heeres- und Miinzlieferungen gebrauchen konnte. Flir die Anhanger des chxistlich-germanischen Staates dagegen, die sich einig waren in der Vorstellung von der Unfruclitbarkeit des Geldes und von der Notwendigkeit des Zinsverbots, war der jiidische Handler und Bankier ein fur den Aufbau des Staates unwesentliches und darum unerwiinselites Element.- Man muB diese geistigen, politischen und wirtschaftlichen Anschauungen kennen, um den Literaturkampf von 1816-19 in seiner eigentlichen Bedeutung zu verstehen. Wie in einem Brennpunkt treffen sich in ihm alle Stromungen und Bewegungen des beginnenden 19. Jahrhunderts, die nationalen, die konservativen, die neukatholisch-mystischen, die neuhumanistisch-protestantischen, die romantischen und die christlich-germanischen. Indem man in dieser Debatte die Juden bekampfte, bekampfte man gleichzeitig das verflossene 18. Jahrhundert, den Rationalismus, den Absolutismus, den Merkantilismus, den Kosmopolitismus und die Ideen der franzosischen Revolution. Den AnlaB zu dieser Debatte, die damals in Deutschland und iiber seine Grenzen hinaus groBtes Aufsehen erregte, gab die dem Wiener KongreB vorgelegte Frage: ,,Ob und in welchem Umfange die verschiedenen Emanzipationsgesetze der Franzosenzeit in Kraft bleiben und sogar in der Bundesakte sanktioniert werden soilten?C£ 15 Eine im Jahre 1815 von einem anonymen Verfasser geschriebene Schrift „Was soli bei der neuen Verfassung aus den Juden ■werden? “, in der die Juden als die Begunstiger der franzosischen Zwangsherrschaft und als die Feinde der christlichen Religion dargestellt wurden, fand noch keine Beachtung. Um so groBere Wirkung erzielte das Buch des Berliner Professors Friedrich Ruhs ,,Uber die Anspriiche der Juden an das 15 Ygl. M. Philippson, Neueste Gesch.ich.te d,es jiidischen Yolkes. Bd. I. 1907. S. 92ff. und, I. Elbogen, Geschichte der Juden in Deutschland. 1935. S. 206 ff.