Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 583 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Geschichtsschreibung 583 und höfische, als Literatur-, Volks- und Gesellschaftsgeschichte. Auf dem Wege zur modernen Betrachtungsweise ist die Einsicht in die vielseitigen Abhängigkeiten, denen das jüdische Geschehen unterworfen war und ist, immer stärker geworden. Diese Abhängigkeiten erscheinen als von draußen und drinnen bestimmt, sie erstrecken sich auf den einzelnen wie auf das Ganze. Um ein Beispiel zu geben: Der mittelalterliche Jude lebte in einem festen, von religiösen Vorstellungen geleiteten und durchtränkten Verbande, der zugleich eine wirtschaftliche Macht darstellte, Er nahm bis zu einem gewissen Grade dem einzelnen persönliche Entscheidüngen ab, oder ließ es gar nicht zu ihnen kommen, er gab ihm einen gesellschaftlichen Rahmen und wirtschaftliche Chancen. Nehmen wir noch dazu, daß im späteren Mittelalter die Bürde der Neubekehrten noch um manches schwerer war als die der Juden, so werden wir uns erklären können, daß und warum die Flucht aus dem Judentum nicht so häufig war, wie es der auf die Juden ausgeübte Druck erwarten ließ. An diesem und ähnlichen Beispielen könnte sich eine Art der Geschichtsbetrachtung bereichern, die zwar Glaubenstreue und Martyrium als Tatsachen bestehen lassen muß, sie aber nach Kräften entwertet, in dem sie die Alternative verkleinert oder leugnet. Das eindrucksvollste Beispiel für die Unentrinnbarkeit liefert die Gegenwart, in der eine große Zahl von Juden zum Judentum gezwungen wird, in der weiterhin die jüdische Wanderung einen überaus zwanghaften und geradezu mechanischen Charakter angenommen hat, der auch noch in einem Teil der Länder andauert, in die sich die jüdische Einwanderung erstreckt. Würde man diese Gesamtansicht eines Systems von äußerem Zwang und inneren Abhängigkeiten zu Ende führen, so würde die jüdische Geschichte als eine Art Zwangsinstitution erscheinen, in der keine andere Freiheit mehr zu finden wäre als der tonlose Wille zur Selbsterhaltung, und mit all unserem Wissen von Ursachen und Wirkungen wären wir nicht gar so weit entfernt von der religiösen Geschichtsauffassung, die lehrt, daß unsere nachpalästinensische Geschichte die Geschichte einer Verbannung, die Vollstreckung eines göttlichen Urteils ist, nur mit dem Unter-