Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1939-01-01
- Page
- 582 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Geschichtsschreibung Von Max Israel Gruenewald Die Frage nach der rechten Art, Geschichte zu sehen und zu schreiben, ist immer wieder gestellt. Sie ist durch die Anwendung wissenschaftlicher Methoden nicht entbehrlich geworden, denn der ,,gesicherte Tatbestand'e hat nur Bestand durch den Zusammenhang, in dem er sich entfaltet. Er wird erst Geschichte dadurch, daß er aus dem Stand einer ungeprüften Wirklichkeit in den einer kritisch durchdachten Möglichkeit zurückversetzt wird. Es gibt fruchtbare, erregende Geschichtsstunden, die den Willen alarmieren, aber auch das Bewußtsein erwecken und das Geschichtswerk entbinden. Stadien einer nationalen Entwicklung, insbesondere ihr Höhepunkt, helfen die Entstehung des Geschichts- Werks motivieren. So zahlreich die objektiven Motive sein mögen, die um die Geburt eines beschreibenden Werks der Geschichte stehen, eines ist da, was den großen Historiker ausmacht: Seine mit einem wachen Bewußtsein verbundene Kraft zum Widerstand. Der Widerstand ist dreifacher Art: Er erweist sich gegenüber dem Stoff, gegenüber der eigenen Kurzsichtigkeit und Kurzlebigkeit und in einem weitgehenden Verzicht darauf, Zeitgenosse zu sein — und das bei und trotz der lebendigsten Anteilnahme an dem Geschehen seiner Zeit. In diesem Punkte und in dieser Beleuchtung gewinnt das Tun und Weglassen des Historikers das Ansehen einer sittlichen Entscheidung. Diese Kennzeichnung des Historikers steht für sich, aber sie mag gleichzeitig als Bild für den Träger einer Geschichtsbewegung dienen; denn was soeben vom Historiker gesagt worden ist, soll und kann auf das Judentum angewandt werden. Es vereinigt in sich ein die eigenen Grenzen überflügelndes Bewußtsein mit der Kraft zum Widerstand. Die jüdische Geschichte hat alle Arten der Behandlung erfahren, sie ist in Angriff genommen worden als religiös-pragmatische