Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Religionsphilosophie und Religion
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 577 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Religionsphilosopliie ־and Religion. 577 Bodenlosen versinken, wenn er nicht von der Volksgemeinde getragen würde. Denn sie allein ist der unsterbliche Leib, der solch unausdenkbares Dasein, gegenwartsloses, aufgestützt auf die Vorzeit, sich hineinreckend in die Tage des Messias, aushalten kann. Der Gegensatz zwischen dem religionsphilosophischen und dem rabbinischen Gefühl wird dann erst ganz deutlich, wenn man dieser Eigenart in der Haltung zur Weltgeschichte innewird. Es wäre gewiß eine Übertreibung zu behaupten, daß der rabbinische Jude sich keinen anderen Eigenwert beilegte als den frommer Erinnerung und Hoffnung. Das Recht des Gesetzes, das sein Erbe ist, verlangt ja tätige Wachsamkeit und Spannkraft; und das dem Frommen gewisse Heil in der künftigen Welt vollendet persönlichen Lebenssinn auch in diesem Zwischenreich nationalen Wartens. Aber welch anderen Endsinn hat die gesetzdurchtränkte Existenz für den einzelnen Juden, als daß sie die Möglichkeit der Erlösung beschleunigen hilft. Alle Gegenwart des Individuums einschließlich seiner persönlichen Seligkeit steht hinter der Größe nationaler Erinnerung und Erwartung zurück. Im eschatologischen Glauben bilden Messiasreich, Auferstehung und künftige Welt Lehrstücke, die niemals gegeneinander voll ausgeglichen erscheinen. Sicher aber ist, daß die Bilder, die das Heil der Einzelseele malen, die messianisehe Erwartung und Belebung der Toten nicht verdrängen. Jene Hoffnungen, in denen sich nationaler wie universaler Gottesreichsgedanke darlegt. Diese Gedanken haben eine andere Stellung in der geistigen Haltung zu deren Dolmetsch sich die Religionsphilosophie macht. Hier ringt ein neues Menschenideal nach Gestaltung. Die neuplatonisch-aristotelischen Gedanken, auf jüdischem Grund verpflanzt, empfangen hier eine bedeutsamere Funktion als die, technische Mittel und begriffliche Handhaben zur Klärung und Rechtfertigung der feststehenden Religion zu geben. Sie erwachsen vielmehr zu einem eigenen Lebenssystem. Wenn das den Denkern selber kaum bewußt wird, wenn sie nichts als das , ,eigentlichec< Judentum wollen verstehen lehren, so ist der Grund für diese merkwürdige Selbsttäuschung die nachhaltige Wirkung des geoffen- 37