Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Religionsphilosophie und Religion
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 576 (sequence 9)
- Language
- German
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576 Max IsraeL Wiener Gott zü seinem Volke geredet hat und daß jedes einzelne Kind dieses Volkes atif Gottes Rede lauschen und sie vollführen muß, weil allein dazu es geschaffen. Das ist praktische Grundhaltung, in der sich jeder um die Beobachtung der Gebote müht. Wenn gesagt wird, Torastudium wiegt alles auf, so bedeutet auch das nicht eine nachträgliche Überhöhüng praktischen Gottesdienstes durch das Grübeln; sondern die Tat bleibt das von Gott gewollte Endziel. Alles ,,Lernen“ geht nur darauf aus, entfernte Möglichkeiten der Gesetzesanwendung ausfindig zu machen. Selbst bei entlegenen Dingen wie den Opfer- Vorschriften, zu einer Zeit, da der Tempel längst gefallen war, bleibt noch die Aussicht maßgebend, daß die verheißene Wiederaufrichtung auch diesem Gesetz seine Anwendung zurückgeben wird. Und sinnt man über die Befugnisse des Königtums, oder über Feldgesetze im Heiligen Lande, so schwebt die erhoffte Wendung des Galutgeschiekes vor der Seele. Das Interesse am Streiten und logisehen juristischen Einteilen mochte übermächtig ausgreifen, — gibt man sich über den Rechtsgrund solchen Unterfangens Auskunft, so erscheint immer die Hoffnung aüf Wiederkehr des volksgemeindliehen Lebens unter dem unverkürzten Gesetz. In der langen Zeit des bitteren Wartens hat man einen Ersatz am Gesetzes Studium, das wenigstens die Wonnen vergangenen und zukünftigen nationalen Lebens dem jüdischen Volke phantasievoll vor das Bewußtsein trägt. Eng verknüpft mit solcher Frömmigkeit ist darum das Ge- Schichtsbewußtsein des rabbinischen Juden. Alle äußeren Leiden, welche die Wanderer durch den Galut erleben, übersteigt das quälvolle Gefühl, daß das Gottesgesetz nur als Torso ausführbar ist. Denn das Gesetz, das ganze Unzerstückte, und das Volk bedingen sich gegenseitig; das Volk ist nur volle Wirklichkeit, wenn das Gesetz Leben ist. Das ist ein Daseinsgefühl, in dem aller Affekt auf Vergangenheit und Zukunft gelegt ist, wo bewußte Gegenwart in der Rückschau auf das, was war, und in Sehnsucht nach dem, was verheißen, verschwebt. In dieser ausgehöhlten Gegenwart, in der das Gefühl nur von dem Denken und Hoffen lebt, würde der Einzelne im