Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Religionsphilosophie und Religion
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 574 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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574 Max Israel Wiener aus der sittlichen Erkenntnis her erfahren ־worden, so ist es jetzt die allenthalben gültige Vernunftkraft, die das Menschliche schlechthin vertritt. Hier zeigt sich eine weitere Folge der Bemühungen, das Gotteswort durch die Vernunft zu durchleuchten, Glaube und Erkenntnis einander nahezuführen. Denn erweist der Offenbarungsgehalt seine Klarheit vor dem menschlichen Geist, so rückt naturgemäß das Interesse an den Teilen der göttlichen Verkündigung in den Vordergrund, die allenthalben zum Gegenstand des Denkens gemacht worden sind, d. h. die zeitlos gedankliche Wahrheit erringt vor dem Geschichtlichen, Eigentümlichen und Einmaligen den Vorrang der Beachtung. So haben wir es also hier wesentlich mit dem Unterschiede zwischen überwiegend historischer und universal weltanschaulicher Richtung zu tun. Der Kampf, der um und gegen die Philosophie einsetzte, nährt sich hauptsächlich aus dem Quell eines jüdischen Instinkts, der in einem System wie dem des Maimuni das an den Rand gerückt empfand, was erste Sorge des jüdischen Menschen zu sein schien: die Eigentümlichkeit der eigenen von Gott gewollten und immer wieder in seiner Eigenart bestätigten Existenz. Jehuda ha Levi verwirft keineswegs rationales Denken, noch sind seine skeptischen Anwandlungen gegenüber der Tatkraft der Vernunft für die Gesamtstellung entscheidend; aber seine national religiöse Leidenschaft stellt Israel und die allein dieses Volk beglückende Offenbarung in den Vordergrund des Denkens und Eühlens. Man möchte zwischen dem universal weltanschaulichen Hauptwege und dem geschichtlich bestimmten Seitenpfade etwa so unterscheiden: jenem ist das jüdische Erbgut am liebsten Material, das er nach dem Maßstab allgemeingültigen philosophischen Denkens zu formen sucht, wobei sein Ziel die Herausstellung der einen schlechthin zwingenden Wahrheit ist. Umgekehrt hält die ״religiöse“ Gruppe das Auge auf die eigene gegebene sich selbstgewisse Wirklichkeit gespannt. Diese Existenz sich zu verdeutlichen, mit den Mitteln des Denkens zu klären, das wird hier als der eigentliche Sinn philosophischer Bemühung empfunden. Beide Richtungen sind von der Wahrheit der Offenbarung in gleicher Weise durchdrungen.