Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Religionsphilosophie und Religion
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 573 (sequence 6)
- Language
- German
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Religionsphilosopliie und Religion 573 des eigenen Weges gern benutzte. Unmittelbar zu dem jüdischen Volke aber sprach das eigentümliche Gesetz, das keinen Juden losließ, das sein ganzes Leben formte und ihm tief das Bewußtsein eingrub, Kund eines besonderen, von allen anderen sich scheidenden Stammes zu sein. Der Satz von der Existenz und Einzigkeit Gottes lag ebenso auf der Ebene der Offenbarung wie das Verbot vom Kochen des Böckleins in der Milch seiner Mutter. Aber dieses Verbot und alles, was es hier vertreten mag, gestaltete durch die Weite seines Einflusses auf das tägliche Dasein das Bewußtsein des rabbinischen Juden. Die einmalig bestimmte Gegebenheit der göttliehen Lehre erwies historischen Charakter für das lebendige Gefühl nicht bloß in wacher Volkserinnerung an die uralten wunderbaren Geschehnisse; sondern dieses Gedächtnis ward durch den von jenem fernen Ereignis gehenden Anstoß zur stündlich geübten religiös geweihten Sitte immer von neuem belebt. In diesem Gesetz, das Israel von den anderen abschied, liegt psychologisch und gefühlsnahe der Kern des jüdischen Geschichtsbewußtseins. An sich gilt das für den theologischen Denker nicht anders wie für den einfachen Menschen. Die mittelalterliche Haltung unterscheidet sich ja gerade darin von modernen Versuchen einer jüdisehen Weltanschauung, daß jene das Gesetz in seiner unabdinglichen Härte anerkennt und übt, während diese sich oft mit der religiösen ״Idee“ allein begnügen und so die orthodoxe Überbetonung des Gesetzes herausfordern. Aber man muß sich klarmachen, daß die spekulierenden Rabbinen unerachtet ihrer praktischen Treue gegen das Gesetz dessen Stellung im ganzen der jüdisch rabbinischen Existenz wesentlich verlagert haben. Keinen Buchstaben von ihm lassen sie zur Erde fallen; sie unterwerfen sich dem Ganzen als Ausdruck des göttlichen Willens. Aber sie bringen ihm ein anders geartetes Interesse entgegen wie der rabbinische Geist ihrer Umwelt. Die Religionsphilosophie vertritt die universalistische Haltung, nicht indem sie sich vom Partikularismus des allgemein rabbinisehen abscheidet, sondern indem sie diese Stufe durch eine Umgruppierung des gesamt jüdischen Gehalts zu überhöhen trachtet. War in der Bibel, bei Propheten und Psalmen das Allmenschliche