Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Gebet als Äußerung und Einfühlung
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 565 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Gebet als Äußerung und Einfühlung 565 daß jemand sich in Worte steigert und sich an ihnen berauscht, so ist das in der Regel unwillkürlich. Die Gegenständlichkeit des Gesprochenen nimmt der Mensch niemals in solcher Plastik und mit solchem Ernst wahr wie im Gebet. Das Ansetzen bei den Worten im Gebet wirkt sich anders aus als das Ansetzen beim eigenen Ich, bei eigenen Erlebnissen und Empfindungen. Es ist fruchtbarer und heilvoller, vom Objektiv- Geistigen auszugehen. Man erfährt neuen Antrieb und wird zu Stellungnahmen, zu einem Reagieren auf Inhalte angeleitet, denen man vorher nicht nahegekommen war, man gewinnt an Gehalt und an Horizont. Dagegen kann das Ausgangnehmen vom Subjektiven, von der eigenen Innerlichkeit leicht zur Selbstbespiegelung, zur Verstrickung in das Selbst führen. Die Begriffe, die das Göttliche andeuten, übertreffen den Umfang des menschlichen Bewußtseins. Die Worte, die um Ihn künden, überragen die Kraft der Seele, und sie fordern eine Reinheit, die der Gesinnung kaum gegeben ist. Ihn zu nennen, ist ein Wagnis und eine Übersteigerung des Bewußtseins. Es heißt fast außer sich geraten, wenn man auf Ihn hinweisen will. Jeder Betende weiß, ein wie ernstes Tun das Sprechen ist, denn das Wort ist kein Werkzeug, sondern das Ebenbild des Gegenstandes, dessen Namen es ist. Im Beten kommt es daher zuweilen zu einem Zusammenprall mit dem Wort. Es geht dann zu, wie wenn jemand ahnungslos auf einen Knopf drückt und ein riesiges Räderwerk von allen Seiten sich stürmisch und überraschend in Bewegung setzt. Diese Spannung kann zu einer Quelle des Antriebs werden. An ihr kann die Beziehung an Kraft und das Wissen an Ahnung gewinnen. Wenn das Gefäß eines Wortes zu eng ist für das überquellende Gefühl, überläßt sich der Betende dem Ton, der unmittelbarsten Form der Äußerung. Die Woge des Tones trägt das Wort zu einer Feme hin, wohin das Wort aus eigener Kraft nie gelangen würde. Das Erlebnis wird unmittelbar, wo es nicht mehr mitteilbar ist. In keiner anderen Form der Äußerung erfährt der Mensch so