Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Gebet als Äußerung und Einfühlung
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 563 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Debet als Äußerung und Einfühlung 563 die Beziehung zwischen ihnen und wie ist sie beschaffen 1 Was bedeutet das Wort für den Betenden % Die Weisen des menschlichen Verhaltens zu einem Gegenstand können sehr verschieden sein, je nachdem, ob es sich um einen Mensehen oder um ein Tier, um eine Pflanze oder um ein Kunstwerk, um einen magischen Gegenstand oder um ein Werkzeug handelt. Der für die Vorgänge des Lebens wachsame Mensch weiß nicht wenig um das Wesen des Wortes. Nirgends erscheint die Mächtigkeit des Geistes so elementar und auch dem primitiven Fassungsvermögen so greifbar gegeben wie im Wort. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, das Gesamtbild des Wortes zu zeichnen oder die Vielfalt seiner Erscheinungen auch nur anzudeuten, sondern lediglich einen der Züge hervorzuheben, die für die Gestalt bezeichnend sind, in der der Betende das Wort erblickt: Die Gegenständlichkeit des Wortes. Der Mensch weiß, daß das Wort auch unabhängig und außerhalb der Beziehung und Zugehörigkeit zu ihm da ist. Es ist für ihn ein Reales, ein für sich selbst Bestehendes. Ohne daß er sich über seinen Sinngehalt im Klaren ist, wird er der Kraft des Wortes inne. Diese mächtige Kraft, die jedermann imVersprechen, im Ehrenwort, im Eid oder im Gelübde kennenlernt, überragt die Kraft des menschlichen Bewußtseins und des menschlichen Willens. Beten ist zu einem großen Teil die Vergegenwärtigung eines Gelübdes des Menschen oder einer Verheißung Gottes. In dieser Gültigkeit, in dieser Mächtigkeit steht das Wort vor dem betenden Menschen. Für gewöhnlich sind die Gewalten des Wortes gezähmt. Der Mensch muß sie erst entfesseln, damit sie aufbrechen und sich vernehmen lassen. Die Einstellung des Betenden ist auch von Anfang an keine passive. Der Gültigkeit und der schlummernden Mächtigkeit des Wortes stellt sich das Erlebnis des Betenden gegenüber. Der Charakter des Gebetsvorganges ist in einer wesentlichen Hinsicht vom gegenseitigen Verhältnis zwischen Erlebnis und Wort abhängig. Hier wollen wir einen Typus dieses Verhältnisses beschreiben. Aus der Ferne vom Gebet wendet sich ein Mensch den Gebets- 36*