Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Gebet als Äußerung und Einfühlung
- Date
- 1939-01-01
- Page
- 562 (sequence 1)
- Language
- German
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Das Gebet als Äußerung und Einfühlung Von Abraham Heschel In den Betrachtungen über das Gebet ist man gewohnt, vor allem auf den Betenden, seine innere Kraft und sein Erlebnis, und auf den Gebetstext, seinen Inhalt und seinen Stil, zu achten. Das Beten selbst, der Akt des Betens, tritt dabei in den Schatten, und was im Halbdunkel davon sichtbar bleibt, ist sein Umriß; seine wesentlichen Züge bleiben dem Auge des Forschers entrückt. Hier soll im Mittelpunkt der Untersuchung das Beten selbst stehen. Die beiden Gegebenheiten, der Betende und der Gebetstext, erscheinen oft in der wissenschaftlichen Darstellung in einem losen Nebeneinander, atomisiert, ohne gegenseitigen Zusammenhang. Dies widerspricht dem wirklichen Tatbestand. Denn der Vorgang des Betens spielt sich zwischen diesen beiden ab. Was zwischen ihnen besteht, ist mehr als eine technische Beziehung; das Wort ist für den betenden Menschen kein bloßes Gebrauchsmittel, sondern ein realer Faktor in der Dynamik des Gebetsaktes. Eine Klärung von Art und Funktion der Beziehung zwischen Betendem und Gebetswort ist für ein rechtes Verständnis dessen, was Beten ist, unerläßlich. Der Mensch lebt in seinem Alltag fern vom Gebet. Eine Wendüng muß an ihm geschehen, damit er zu beten anfängt. Auf welche Weise wird er zumBetenden? Man ist in den wissenschaftlichen Betrachtungen geneigt, gewissen psychischen Zuständen den Antrieb zuzuschreiben. Es wird dabei übersehen, daß das alltägliche Gebet in einem viel stärkeren Grade einer anderen Kraftquelle entspringt. Man wird zu einem Betenden erst im Beten selbst und nur selten vorher. Am Wort wird der Mensch zum Betenden. An den Beziehungen des Menschen zum Wort des Gebets lassen sich manche Merkmale und Eigentümlichkeiten erkennen, die für das Verständnis des Gebetsaktes von Wert sein können. Wie verhält sich der Mensch zum Wort des Gebets % Wie entsteht