Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Isaac Bernays
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 546 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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546 Hans Israel Bach Endlich aber liegt auch die sehr menschliche Herrschsucht in jenem Satz, mit der Isaac Bernays aus der Überlegenheit seiner grammatischen Kenntnisse den Orthodoxen seiner Zeit gegenüber auf trat, die hebräische Grammatik als Brücke zur Bibelkritik beargwöhnten. In dieser Vielschichtigkeit des Ausdrucks zeigt sich aber eine Eigentümlichkeit des noch mittelalterlichen Judentums, eine altorientalische Eigentümlichkeit übrigens, und zwar jene Neigung, einen Sinn, der sonst etwa in einer Fabel ausgedrückt wurde, auch durch ein Zitat oder Wortspiel hinter dem unmittelbar Gesagten und Gemeinten durchschimmern zu lassen, eine Kunst sinnreichen Beziehens und Verknüpfens zwischen Kleinem und Großem, zwischen Menschlichem und Göttlichem. Vom Standpunkt eines logischen, klar ordnenden, nur auf die eine Ebene sachlicher Aussage bezogenen Denkens aus, wie der Liberalismus es anstrebte, pflegte und erreichte, erschien diese Eigentümlichkeit lediglich als unsachliche und unklare, Gott und Grammatik in eins zusammenwerfende Vermischung der Gebiete, die säuberlich auseinanderzuhalten mit Recht als wünschenswert erschien. Moses Moser, eines der Mitglieder des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden, hob in einer ausführlichen Kritik von Bernays5 ,,Bibelschem Orient“ die Ungeordnetheit der Sprache als Ausdruck ungeordneten Denkens auch berechtigterweise hervor. Das innere Problem der beiden Reformbestrebungen war das gleiche: eine Antwort zu finden auf die Frage, wie Judentum möglieh sei unter den neuen Lebensbedingungen einer bürgerlichen Einordnung, wie es lebbar sei in der Berührung mit europäischer Umwelt. Der liberale Lösungsversuch war gegebenenfalls bereit, die Einordnung der Juden in das europäische Leben auch durch Einschränkung oder teilweise Aufgabe der überlieferten Lebens- und Glaubensform zu erreichen: er verzichtete auf den größten Teil der häuslichen Ritualformen, vereinfachte und reinigte den Kultus nach rationalen Gesichtspunkten, abstrahierte die Messiasidee aus einer konkreten täglichen Erwartung zu einem allegorischen Ideal. Durch die Schulung des Denkens aber, durch die Vermittlung europäischer Bildung, durch kraftvolle Entwicklung des sozialen Sinns