Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 544

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Isaac Bernays
Date
1939-01-01
Page
Seite 544 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2830039-2830041-2850805--56236-2851394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

544 Hans Israel Bacli ein nur bruchstückhaftes Judentum greifbar blieb, brachte er aus Schellings Gedankenwelt einen Ansatzpunkt mit, von dem aus er das Judentum als Ganzes bejahen, frischen Blickes ansehen und neu erschließen konnte: die Verkörperung eines Urbildes der Menschheit in der Bibel. Er sah in der Bibel eine Schatzkammer der Gestaltung menschlicher Urbilder und der Urformen der menschlichen Seele, also der Beziehungen zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Gott und zwischen Mensch und Mensch. Dazu aber hatte er das Buch der Bücher bei Spinoza als Sammlung von ,,Nationalsehriften‘ ‘ des jüdischen Volkes verstehen gelernt. So entdeckte er Menschentum im Judentum, und darum gab es für ihn weder eine Spannung zwischen seinem Judentum und seinem Menschentum, noch irgendeine Problematik darin, wie sie dem Liberalismus so schwer zu schaffen machte, weil dieser sein Menschentum im Humanitätsideal der deutschen Klassik, nicht im eigenen Judentum suchte und fand. Daher konnte er sich in aller Unbefangenheit mit den christlichen Kirchenvätern oder mit des gebannten Spinoza Theologisch-Politischem Traktat beschäftigen, konnte er in aller Ruhe untersuchen, welche Namen vormonotheistischer Gottheiten aus den Attributen des Gottesnamens in der Bibel zu erschließen seien, und deshalb vermochte er die Be- Ziehungen zwischen Judentum und Griechentum, deren Studium sein Sohn Jacob Bernays später zu einem eigenen Zweig der Alt- Philologie ausgebaut hat, zu verfolgen und dabei beiden Seiten gerecht zu werden. Bernays sah nun seine Aufgabe dem Judentum gegenüber darin, den Sinn und Bedeutungsgehalt der überlieferten, allgemein nur noch mechanisch und ohne tieferes Gefühl oder Verständnis geübten Religionsgebote und rituellen Gebräuche neu zu erschließen und zu deuten, dadurch auch bei der größeren Masse seiner Gemeinde ein richtigeres Verständnis ihres persönlichen Anteils am Judentum zu bewirken und, daraus folgend, eine lebendige und innige Beziehung zu Gott und der eigenen Seele. Darum stellte er, darin der liberalen Tendenz zur Vergeistigung des Judentums entgegengesetzt, das sinnlich greifbare, täglich geübte Ritual in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.