Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Isaac Bernays
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 543 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Isaac Bernays 543 neuen Möglichkeiten zu entdecken und sich ihrer zu erfreuen. Ohne solch lebendige Wechselbeziehung aber verarmte und verkümmerte notwendig das Kollektivbewußtsein im einzelnen Individuum ebenso wie die Gemeinschaft selbst. Gibt es nun zwischen diesem frühliberalen Reform versuch des Judentums und dem frühkonservativen von Isaac Bernays Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten, und wo liegen die Unterschiede? Gemeinsam ist beiden Richtungen die Überzeugung, daß das Judentum dieser Zeitwende überhaupt reformbedürftig sei. Nur setzten beide an ganz verschiedenen Punkten an. Der Liberalismus nimmt von dem überlieferten Judentum nur den Teil auf, der gedankenmäßig zu erfassen ist, baut ihn sorgfältig und liebevoll nach allen Seiten aus; so wird aus den konkreten religiösen Geboten der Bibel und des Talmuds eine systematische Ethik des Judentums, aus dem Glauben an Gottes Offenbarung eine Philosophie des Offenbarungsbegriffs. Andrerseits strömt das brachliegende, weil um seinen Anwendungsbereich im täglichen Ritual gebrachte Gefühl unversehens in diese Gedankengebilde mit ein, belastet das Denken und macht aus Erkenntnissen, die an sich wertfrei, nämlich entweder richtig oder falsch sind, persönliche Entscheidungen und moralische Dogmen; selbst Zweckmäßigkeitserwägungen werden im Nu zu Prinzipienfragen und konkrete Maximen zu abstrakten Doktrinen. Dieses Judentum hat, ebenso wie seine Vertreter, etwas Pathetisches, gravitätisch Ernsthaftes und Steifes, gleichzeitig aber eine große Einprägsamkeit und Durchschlagskraft; und es gewinnt, indem es den Erfordernissen der Zeit entschlossen Rechnung trägt, etwas, das in der Geschichte des Judentums selten ist: Gegenwart. Isaac Bernays’ Konservativismus stellt der liberalen Reform gegenüber eher eine Restauration dar. Durch die Gedankenwelt der französischen Revolution und der zeitgenössischen deutschen Wissenschaft hindurch gegangen, hatte Bernays aus beiden Kräfte auf genommen, die er ins Judentum zurücktrug. Während mm aber der liberalen Strömung aus der Berührung mit Hegels Philosophie