Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 542

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Isaac Bernays
Date
1939-01-01
Page
Seite 542 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2830039-2830041-2850805--56234-2851392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

542 Hans Israel Bach Gefühls- oder Pietätsgründe, für die nun wieder die Vernunft keine Rechtfertigung wußte. So führte das Judentum als Lebensform im Bewußtsein gerade seiner geistigen Vertreter nur noch ein Schattendasein. Der ״Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“ löste sich nach kurzem Bestehen auf, übrigblieben nur Zunz und die von ihm begründete Wissenschaft des Judentums, in der fortan das Judentum seine verlorene Seele suchte. Die beiden Zeitströmungen Liberalismus und Aufklärung sprachen nicht das Judentum als Gesamtheit an, sondern den einzelnen Juden. Auch für diesen aber wiederholte sich im Laufe seiner Ent- Wicklung das Schicksal des Judentums als eines Ganzen. Indem der einzelne in das europäische Leben eintrat und in diesem zu wirken begann, entwickelte er seine individuellen Fähigkeiten und erlebte diese Entwicklung in seinem persönlichen Selbstbewußtsein; seine Erfolge in den neu sich öffnenden Berufen empfand er ebenfalls nur als eigene, selbst wenn er sich der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft sonst durchaus bewußt war. Damit verminderte sich der fühlbare Zustrom, der innere Rückhalt, der dem einzelnen aus der voll empfundenen und bejahten Beziehung zu seiner Gemeinschaft erwachsen kann. Und auch das Judentum selbst nahm nur uneigentlich, nämlich in der Apologetik, teil an den Leistungen seiner Glieder, und ebenso wie ihnen aus der Gesamtheit nichts zuströmte, kehrte aus ihren neuen Errungenschaften nichts zu ihr zurück. Viele Juden zum Beispiel schulten ihre Fähigkeiten als Naturwissenschaftler. Daß die eigentlichen Ergebnisse ihrer Arbeit in den Bestand der betreffenden Wissenschaften übergingen, war nur natürlich. Jedoch wuchs aus der Tatsache, daß im gleichen Zeitraum eine ganze Reihe tüchtiger jüdischer Naturwissenschaftler wirkte, dem jüdischen Kollektivbewußtsein — und damit auch dem Selbstgefühl des einzelnen Juden vom Judentum — nicht die Erweiterung zu, nun auch die Anlage zur Naturerkenntnis als eine ihrem Ursprung und ihren Möglichkeiten nach originäre zu begreifen; und deshalb blieb mit dem Gefühl der Bereicherung auch der Stoß für das Individuum aus, bei sich selbst und seinen eigenen Anlagen entsprechend etwas von diesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.