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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 514

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Zur neueren Geschichte der jüdischen Autonomie
Date
1939-01-01
Page
Seite 514 (sequence 6)
Language
German
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514 Kurt Israel Stillschweig auf Anerkennung der jüdischen Nationalität die Grundlage aller autonomistischen Programme. Als Konsequenz hieraus postulierten die Autonomisten das Recht der Juden auf völkisches Eigenleben, das abgesehen vom Religiösen eine Sphäre voraussetzte, innerhalb derer die Juden fähig und gewillt waren, ein anderes Leben als das der Umwelt zu führen. Um das Wesen des Autonomismus prinzipiell zu erfassen, muß man deshalb zunächst die Frage stellen: Welchen Inhalt hatte das nationale Sonder־ dasein und das postulierte Recht auf seine selbständige Ausgestaltung? 1. Ein nationales Sonderdasein der Juden war und ist zweifellos dort vorhanden, wo die Juden ihre eigene Sprache haben. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß Literatur, Denken und Fühlen eines sprachlich abgesonderten Bevölkerungsteiles, überhaupt alles, was man unter dem Gesamtbegriff der ״Kultur“ zusammenfaßt, von der nationalen Sprache weitgehend beeinflußt und deshalb von der geistigen Haltung der Umwelt verschieden ist; hierüber bestand bei den Autonomisten stets Einigkeit. Streitig war aber unter ihnen die Frage, welches denn die nationale Sprache der Juden sei. Die einen meinten, dem Hebräischen gebühre dieses Attribut, die anderen dagegen proklamierten den Vorrang des Jiddischen. Den Jiddischismus vertraten vor allem die der Arbeiterbewegung nahestehenden Parteien. So betrachtete etwa der ״Bund“ — nach der ironisch zugespitzten Formulierung von Nathan Birnbaum21 — Neuhebräisch als ״eine Treibhauspflanze bourgeoiser Romantik, eine Sprache ohne soziale Zukunft, einen unnötigen Luxusartikel“. Die Zionisten dagegen gaben Hebräisch den Vorzug, wobei sie allerdings auch den Wert des Jiddischen anerkannten. Das kam besonders deutlich in einem Bericht des Aktionskomitees vom Jahre 1909 zum Ausdruck, in dem es heißt22: ״Von unserem Standpunkt haben wir nie das ,Jiddische‘ als etwas Geringwertiges verworfen oder herabgewürdigt. Existiert es ja unter den großen Massen alB Volkssprache und es hat sich auch im Laufe der letzten Jahrzehnte literarisch ganz wunderbar entwickelt. Nur ist es etwas ganz anderes und nimmt eine ganz andere Stellung ein als das Hebräische. Hebräisch ist der antike Geist, Jiddisch ist — die Realität; Hebräisch — die Sprache Zions, Jiddisch — die Sprache des Galuth.“ Je nach der grundsätzlichen Einstellung verlangten die einzelnen autonomistischen Programme zugunsten des Jiddischen, des Hebräischen oder beider Sprachen Sprachenrechte. In der Regel wurde für den Privat- 21 Birnbaum, Ausgewählte Schriften zur jüdischen Frage, Czernowitz 1910, Bd. I S. 302. 22 Protokoll des 9. Zionistenkongresses S. 376.

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