Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Zur neueren Geschichte der jüdischen Autonomie
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 512 (sequence 4)
- Language
- German
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512 Kurt Israel Stillschweig den Brennpunkt der öffentlichen Diskussion getreten war, beschlossen die österreichischen Zionisten auf einer im Juli 1906 in Krakau abgehaltenen Tagung12, eine ״Jüdische Nationalpartei“ zu gründen. Autonomie für alle Nationen Österreichs ״einschließlich der jüdischen“ — so lautete die Forderung des Parteiprogramms13. Ein Analogon hierzu bildete der im Dezember 1906 nach Helsingfors einberufene Parteitag der russischen Zionisten. Wie in Krakau, so empfand man auch in Helsingfors, daß die These von der ״,Verneinung der Galuth“ revisionsbedürftig sei. Es wurde ihr entgegengehalten, daß man schon ״in der Diaspora für die Renaissancemöglichkeiten kämpfen müsse, die zwar hier nicht verwirklicht aber wohl vorbereitet werden können“14. Als Ergebnis der Tagung kam eine Resolution zustande15, deren rechtshistorische Bedeutung darin liegt, daß sie erstmals einen von jüdischer Seite aufgestellten nationalitätenrechtlichen Plan enthielt, der klar formuliert war und substantiiert ins einzelne ging. Die Resolution, auf einem im Juni 1917 in Petersburg einberufenen Delegiertentag revidiert16, bildete bis in die ersten Nachkriegsja-hre hinein die Grundlage für die galuthpolitischen Ziele auch anderer jüdischer Parteien. Sie hat ferner die Kongreßbewegungen der Juden Österreichs und Rußlands während des Krieges weitgehend beeinflußt. Außerhalb der beiden ehemaligen Monarchien dagegen drang der Gedanke einer Galuthpolitik nicht durch. Hier beobachteten die Judenschaften fast ausschließlich eine assimilatorische Haltung. B I. Den Inhalt der galuthpolitischen Postulate entwickelten die Zionisten nicht selbständig. Sie übernahmen ihn aus anderen Quellen. Denn in den Jahren, in denen der Zionismus noch an der ״Verneinung der Galuth“ festhielt, hatte bereits eine nichtzionistisehe Lehre ein nationales Diasporaprogramm ausgearbeitet. Diese Lehre war der Autonomismus. Der Autonomismus ist aus einer Kritik von Assimilation und Zionismus entstanden. Weder die eine noch die andere dieser Strömungen, so erklärte Simon Dübnow, einer der Begründer des geordneten des österreichischen Reichsrats im Jahre 1905, 35. Bd., Wien 1906, S. 32317ff. 12 Bericht in ״Die Welt“ 1906, Nr. 28 S. 7ff.; vgl. auch Böhm I 8. 342. 13 JR 1907, S. 216. 14 ״Die Welt“ 1906, Nr. 52 S. 5. 16 Ahgedruckt in JR 1917, Nr. 23. 18 Verhandlungsbericht in JR 1917, S. 221ff., 245ff.