Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Zur neueren Geschichte der jüdischen Autonomie
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 510 (sequence 2)
- Language
- German
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510 Kurt Israel Stillschweig prozeß zu Ende geführt. Da sie die nationale Eingliederung der Juden in die Mehrheifcsvölker forderten, wollten sie naturgemäß auch keine organisatorische Hülle der jüdischen Sondernationalität übrig lassen. Das schlleßliche Ergebnis der im einzelnen komplexen Entwicklung bestand darin, daß etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ehemals jüdisch-autonomen Körperschaften zu Kultusgemeinden oder privatrechtlichen Vereinigungen umgestaltet waren, deren Kompetenz sich fortab fast ausschließlich auf das Gebiet des Religiösen beschränkte. II. Die Juden der europäischen Diaspora waren mit diesem Rechtsstatus zunächst durchaus einverstanden. Konnten doch die Vertreter der assimilatorischen Ideologie ohnehin keine Organisationsform zurückwünschen, die sich in der Vergangenheit als Hindernis jeder Entnationalisierung erwiesen hatte. Aber auch die Zionisten beobachteten bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts hinein eine ähnliche Haltung. Sie gingen von der Auffassung aus, daß es den Juden niemals möglich sein werde, in der Galuth zur Schichtung eines normal lebenden Volkes zu gelangen. Auch ״die Verquickung innerpolitischer Tätigkeit mit dem Zionismus“ hielten viele zionistische Wortführer für ״taktisch verfehlt“ und gefährlich3. Unter den Zionisten war jedoch von Anbeginn an eine Minderheit vorhanden, die für nationalpolitische ״Gegenwartsarbeit“ in der Diaspora plädierte. Diese Strömung hatte sich, wie man auf dem 5. Kongreß (1901) feststellte4, im Laufe der Zeit ״leise zuerst und vereinzelt, immer vernehmlicher dann und eindringlicher . . . bemerkbar“ gemacht5. Zunächst freilich hielten selbst seine An- 3 Brief eines österr, Zionisten (1907), abgedruckt in J. S. Bloch, Erinnerungen aus meinem Leben, Bd. III, Wien 1933, S. 189ff. 4 Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des 5. Zionistenkongresses (Die Kongreßprotokolle werden im folgenden ״Protokoll‘6 zitiert), S. 176; vgl. ferner Janowsky, The Jews and Minority Bights, New York 1933, S. 65ff.; Böhm, Die zionistische Bewegung, Bd. I, Berlin 1935, S. 204f. 5 Über ihr Ziel bestand Jahre hindurch völlige Unklarheit. ״. . . niemand weiß, so klagte in bezug auf die ,Gegenwartsarbeit‘ ein Delegierter auf dem 5. Kongreß (Protokoll S. 235), was er zu tun hat.“