Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Zur neueren Geschichte der jüdischen Autonomie
- Date
- 1939-01-01
- Page
- 509 (sequence 1)
- Language
- German
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Zur neueren Geschichte der jüdischen Autonomie1 Von Kurt Israel Stillschweig A I. Die Geschichte der jüdischen Diaspora ist bis zur Emanzipation aufs engste mit dem Gedanken der jüdischen Autonomie verknüpft. Bereits im Altertum besaßen die zahlreichen jüdischen Gemeinden, die sich lange vor Untergang des judäischen Staates inmitten fremder Länder gebildet hatten, das Recht, ihr eigenes Sonderdasein zu führen und ihre ,,inneren Angelegenheiten64 selbständig zu regeln. Dieses Recht, die Autonomie, hat sich das gesamte Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit hinein erhalten. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts erlitt es eine Auflockerung. Die Assimilationspolitik, die um diese Zeit durch gesetzliche Maßregeln Barttracht, Namen oder Sprache der jüdischen Individuen an die Umwelt anzugleichen suchte, brachte auch Beschränkungen der jüdischen Gruppenorganisation. Dazu traten Motive, die, obzwar ihrer Natur nach nicht eigentlich assimilatorisch, sich doch in ihren Auswirkungen gegen das Bestehen jüdisch-autonomer Körperschaften richteten2. Die Emanzipationsgesetzgebungen haben den Auflösungs- 1 Aus Gründen der Raumersparnis mußte der vorliegende Beitrag zu unserem lebhaften Bedauern stark gekürzt werden. Die erste Fassung des Manuskripts enthielt auch einen Überblick über die wesentlichen Züge der Autonomiebestrebungen bis zum Ende des Weltkrieges. Die Redaktion. 2 So war beispielsweise das Prinzip der ״Persönlichkeit des Rechts“, das jeden nach dem Recht seiner Vorfahren leben ließ (״lex originis“) und das früher die Selbstverwaltung der Juden wesentlicb begünstigt hatte, unter dem Absolutismus hinfällig geworden. Ferner erschien in vielen absolutistischen Staaten eine korporative Gliederung der Bevölkerung mit der zentralistischen Staatsidee unvereinbar. Schließlich bestand das fiskalische Interesse, das eine wichtige MiturSache für die Entstehung der Autonomie war, unter dem Absolutismus nur abgeschwächt fort, da in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Sondersteuern der Juden hier und da aufgehoben wurden.