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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 463

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Raschi und Maimonides in Geschichte und Sage
Date
1939-01-01
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Raschi und Maimonides in Geschichte und Sage 463 Schlachthaus des Tempels von Jerusalem: niemals wurde in ihm eine Fliege sichtbar22. Das Wort, daß die Sage wahrer sei als die Geschichte, trifft nicht immer zu. Die Geschichte will der Wahrheit dienen, die Sage dagegen enthält Dichtung oder Dichtung und Wahrheit zugleich. So führt sie Raschi in Länder, die er niemals gesehen hat, und bringt ihn mit Menschen zusammen, mit denen er niemals zusammengetroffen ist. Die Sage berichtet aus dem Leben Raschis ,,Begebenheiten“, die sich niemals begeben haben können, weil sie mit den chronologischen Daten und historischen Tatsachen im Widerspruch stehen. Raschi starb im Jahre 1105, Maimonides wurde 1135, 30 Jahre nach Raschis Tod, geboren. Trotzdem ließ die Sage, unbekümmert um die chronologischen Angaben, Raschi auf seiner Reise durch Ägypten in das Haus des Maimonides einkehren, wo er liebevoll aufgenommen wurde. Bei dieser Gelegenheit habe Maimonides Raschis Kommentare kennengelernt und später erklärt, daß er selber habe Kommentare schreiben wollen, doch sei ihm der ,,Franzose“ zuvorgekommen23. Maimonides hat weder Raschi noch seine Werke gekannt, er hätte den Kommentaren Raschis auch nicht in allen Punkten zugestimmt. Vielmehr hat Maimonides viele Bibel- und Agadastellen rationalistisch oder allegorisch gedeutet und sie nicht wie Raschi nach dem Wortsinn oder nach der Tradition erklärt. Raschi und Maimonides waren zwei verschiedene Typen jüdischen Geisteslebens. Raschis Welt war das Lehrhaus, die Tradition, er war der klassische Interpret der Bibel und des Talmuds. Maimonides dagegen lebte in zwei Welten, in der Welt des Judentums und in der Welt der griechisch-arabischen Philosophie, und war nicht nur ein Schriftgelehrter, sondern auch ein Philosoph. Als das Lebensideal des nordfranzösisch-deutschen Kulturkreises, dem Raschi angehörte, galt der Fromme, der durch Herzensfrömmigkeit und gute Werke den Weg zum ewigen Leben findet; Maimonides dagegen ging aus dem spanisch-südfranzösischen Kulturkreise hervor, dessen 22 Liber 54. — 23 Schalsch. 37 b.

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