Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Raschi und Maimonides in Geschichte und Sage
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Raschi unct Maimonides in Geschichte und Sage 459 heit des Geistes, so war sein Leben und Wirken ausgezeichnet durch Frömmigkeit und Reinheit des Herzens. In welchem Lichte erscheint nun Raschis Persönlichkeit und Schöpfung in der Sage? Die Sage ist die Stimme des Volkes über die großen Männer der Vergangenheit, sie ist der Ausdruck der Verehrung, die das Volk für seine Heroen empfindet. Die Phantasie des Volkes holt vom Himmel die schönsten Sterne, um mit ihrem Lichtglanz die Gestalten der Frommen zu umkleiden. So läßt die Sage die Geburt Raschis durch eine Himmelsstimme vorherverkünden. Raschis Vater sollte, wie die Sage erzählt, eine Perle, die er auf bewahrte, als Schmuck für ein Heiligenbild, hingeben, aber er tat es nicht. Da rief in seinem Lehrhause eine von seinen Schülern vernommene Himmelsstimme: Dir wird ein Sohn geboren werden, der Israel erleuchten wird6. Raschis Vater war trotz gegenteiliger Behauptung auf Grund einzelner Stellen in Raschis Kommentar, wie zu Gen lj und Az 75 a, kein Gelehrter. Die Sage jedoch erhob ihn zum Oberhaupt eines Lehrhauses, in dem viele Schüler zu seinen Füßen saßen. Zugleich sprach sie das Urteil des Volkes über Raschis Bedeutung aus. Nach seinem Tode wurde Raschi als die ,,Leuchte des Exils“ bezeichnet7, ihm wurde nachgerühmt, daß er als der größte unter den Erklärern die Augen derer erleuchtet, die im Exil leben8. Das Urteil, das über Raschi nach seinem Tode ausgesprochen wurde, ließ die Sage schon vor seiner Geburt durch eine Himmelsstimme vorher verkünden. Raschi hat seine Heimat im Jünglingsalter verlassen, um in den damals berühmten Lehrhäusern von Worms, Mainz und Speyer zu lernen. Viele von den Erinnerungen an Raschis Aufenthalt in Worms, die dort gepflegt wurden, sind legendär. Die sogenannte Rasehikapelle, die sich in Worms hinter der Synagoge an der Westwand befindet, wurde erst 1624 erbaut und steht mit Raschi in keinem Zusammenhang9. Aus den Lehrhäusern in Deutschland heimgekehrt, lehrte Raschi 40 Jahre als Oberhaupt einer Schule 6 Schalschelet ha-Kabbala cd. Amst. 1697, 37 b. 7 Tossafot Sanh. 89 b. — 8 GA Birkat Abraham Nr. 19. 9 MG-WJ 1901, S. 44f.