Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Zur Literaturgeschichte des Bibelkommentars
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 437 (sequence 7)
- Language
- German
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Zur Literargeschichte des Bibelkommentarß 437 midraschischen Exegese die herrschende Methode der frühen Aus־ legung geworden ist (im Gegensatz zur späteren Kabbala). Der Glaube an das Vorhandensein der Erscheinung des ,,sensus multiplex“ sowohl in der jüdischen als auch in der christlichen und islamischen Exegese, d. h. einer doppelten oder mehrfachen Auslegungsmöglichkeit desselben Textes vermittels verschiedener Methoden, die zugleich verschiedenen Geistesrichtungen entsprechen und verschiedene Schichten des Textes treffen, bedeutet noch keine direkte Abhängigkeit voneinander19. Es handelt sich hier um eine Erscheinung, die bei besonderen geistigen Gegebenheiten notwendig entstehen muß: wenn ein, einer gewissen Zeit entstammender Grundtext, der als heilig und unantastbar gilt, vor die Augen einer andersgearteten Zeit tritt. Und wenn dieser Text Grundlage einer Weltkultur geworden ist, die alle geistigen Lebensäußerungen und -bedürfnisse auf ihn zurückführt oder aus ihm herausholt; wenn also historisch-rationale Neigungen, religiös-dogmatische, mystisch-phantastische und ethisch-erbauliche — alle diese Spannungen kennt das Mittelalter — auf den Text zurückgreifen, so muß es zur Ausbildung einer Theorie kommen, die besagt, daß der 19 Beispiele für den ״sensus multiplex“: Nicolaus de Lyra (gest. 1340) gibt zwei Erklärungs arten an, eine, die den ״sensus literalis“ oder ״historicus“ und eine zweite, die den ״sensus mysticus“ oder ״spiritualis“ freilegt. Dieser entsteht, wenn Dinge durch Dinge bezeichnet werden, jener, wenn Dinge durch Worte ausgedrückt werden (Nie. nach Thomas, Summa I, Q. 1, Art. 10). Der ״sensus mysticus“ zerlegt sich in den ״sensus allegoricus“, den ״sensus moralis“ oder ״tropologicus“ und den ״sensus anagogicus“. So bedeutet Jerusalem historisch die Stadt, moralisch die gläubige Seele, allegorisch die ecclesia militans, anagogisch die ecclesia triumphans. Vgl. auch die bei M. Grabmann a. a. 0. wiedergegebenen Stufen der Schrifterklärung des Hugo von St. Victor (12. Jahrh.): littera, sensus, sententia. — Schon Clemens von Alexandrien unterscheidet Körper und Geist der Schrift; Origenes einen buchstäblichen, einen psychischen (ethischen) und einen pnaumatischen (allegorischen) Sinn. Anders ist die Anwendung des ״Typus“ z. B. bei Hieronymus. So spricht Ps 72 vom christlichen Messias, der aber hier unter dem ״Typus“ des Salomo gesehen wird. Was für diesen begrenzt galt, wird für jenen in voller Bedeutung gelten. Der Interpret kann sich dem wirklichen Gehalt des Textes nicht verschließen, will ihn aber mit seinen andersartigen Vorstellungen und Erlebnissen durebdringen. So entsteht diese Sonderart der Doppeldeutung.