Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Problem der Kontingenz in der Philosophie des Maimonides
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 428 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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428 Julius Guttmann gedankliches und wo phantasiemäßiges Vorstellen vorliegt26. Dabei handelt es sich ihm offenbar nicht nur um die Frage, ob seine Kritik an dem Möglichkeitskriterium des Kalam zwingend zu begründen ist, sondern auch darum, ob er sein eigenes Möglichkeitskriterium zwingend zu rechtfertigen vermag. Für ihn ist nur das möglich, was mit der gegebenen Natur der Wirklichkeit und der sich in ihr manifestierenden Gesetzmäßigkeit übereinstimmt. Dieses Kriterium ist für ihn ein Kriterium des Verstandes, aber offenbar nur insoweit, als das Bestehen der Naturgesetzmäßigkeit selbst verstandesmäßig gewiß ist. Hier liegt, gegenüber dem Kalam, der jede empirische Gesetzmäßigkeit leugnet, offenbar die eigentliche Schwierigkeit. Gleichzeitig mit Maimonides hatte Ibn Rosd sie durch den Hinweis auf die notwendige Funktion der Naturgesetzmäßigkeit zu lösen versucht. Ohne Prinzipien, welche jedem Dinge eine bestimmte Natur vorschreiben, hören nach ihm alle Unterschiede der Dinge auf und verliert jedes Ding die Einheit, die für das Sein überhaupt erforderlich ist27. Eine derartige ,transzendentale‘ Rechtfertigung der Naturgesetzmäßigkeit gibt Maimonides nicht. Die Gültigkeit der aristotelischen Naturauffassung, in der für ihn die Gesetzmäßigkeit der Natur ihren Ausdruck findet, ist für ihn dadurch verbürgt, daß sie auf einer richtigen Analyse der Naturtatsachen beruht. In der Behauptung des Kalam, daß für jedes Ding die verschiedenartigsten Bestimmungen gleich möglich sind, sieht er nur die Konsequenz seiner, den Tatsachen widersprechenden, atomistischen Naturauffassung, welche die wesenhaften Verschiedenheiten der Dinge und damit den Grund ihrer tatsächlichen Eigenschäften und Bestimmungen negiert. Die aristotelische Naturauffassung kennt diesen Grund, weil sie nicht bei der unanalysierten Vorstellung des Körpers stehen bleibt, sondern ihn in seine Elemente, Materie und Form, zerlegte und damit die mannigfachen Wesensformen der Dinge zu unterscheiden vermag28. Eine solche 26 More I, 73, 10, Schluß der Anmerkung. 27 Horten, Die Hauptlehren des Averroes, Bonn 1013, S. 256. Obermann, Das Problem der Kausalität hei den Arabern, Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. Bd. 29, Wien und Leipzig 1921, 8. 340, 28 Morel, 73, 10; ar. S. 113b, 114a; hebr. S. 122a, b.