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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1939-01-01 · Heft 1 (Januar 1939) · p. Seite 424

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
83 (1939)
Issue
Heft 1 (Januar 1939)
Article
Das Problem der Kontingenz in der Philosophie des Maimonides
Date
1939-01-01
Page
Seite 424 (sequence 19)
Language
German
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424 Julius Guttmann Gegen dies Kriterium der Evidenz wendet Maimonides ein, daß es die Einbildungskraft oder populäre Vorstellungen zum Maßstab für die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Dinge mache. Um die Unzuverlässigkeit dieses Kriteriums zu verdeutlichen, zeigt er an zwei Beispielen, daß das Unvorstellbare doch möglich ist. Unsere Einbildungskraft vermag sich nicht vorzustellen, daß an den entgegengesetzten Polen der Achse einer Kugel zweiMenschen stehen können; ist sie vertikal, so muß der an ihrem unteren Ende Stehende, ist sie horizontal, so müssen beide herunterfallen. Wir wissen jedoch, daß die Erde eine Kugel ist und daß es Antipoden gibt, die an entgegengesetzten Seiten eines Erddurchmessers wohnen. Ebenso unvorstellbar ist der Einbildungskraft die mathematisch erwiesene Tatsache, daß es zwei Linien geben kann, die an ihrem Ausgangspunkt einen endlichen Abstand voneinander haben und sich einander ständig nähern, sich aber auch bei Verlängerung ins Unendliche niemals schneiden21. Auch wenn besonders das erste Beispiel die Intention des Kalam nicht voll trifft, ist doch der Sinn des Einwandes völlig klar. Was der Anschauung unmöglich erscheint, kann für den Verstand durchaus möglich sein und sich selbst als empirisch oder begrifflich zutreffend erweisen. Das Kriterium der Vorstellbarkeit aber verweist uns auf die Anschauung und kennt keinen Unterschied zwischen dem bloß anschaulich und dem gedanklich Unmöglichen. Sowohl der Einwand wie seine Illustration liegen ganz in der Linie der Argumente, die in der Kritik an einer intuitionistischen Erkenntnislehre bis in die Gegenwart hinein üblich sind. Für ebenso unzulässig erklärt Maimonides die Vorstellbarkeit als positives Kriterium der Möglichkeit und sieht auch in ihr ein Kriterium der Einbildungskraft und nicht des Verstandes. Aber in dem gleichen Zusammenhänge wirft er dem Kalam vor, daß er bei seinem Kriterium von Möglichkeit und Unmöglichkeit auf die Wirklichkeit keine Rücksicht nehme, und hält ihm die Forderung entgegen, daß das Kriterium für Möglichkeit und Unmöglichkeit in der Wirklichkeit gesucht werden müsse. Wie er die These des 21 More I, 73, 10, Anm.; ar. S. 115a, b; liebr. S. 123a, b.

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