Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Problem der Kontingenz in der Philosophie des Maimonides
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 422 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Julius Guttmann Akzidenz und umgekehrt, das Eindringen eines Körpers in den anderen und Ähnliches16. Die Unmöglichkeit, um die es sich hier handelt, ist eine absolute, aus dem Wesen der betreffenden Dinge folgende. Sie hängt nicht von der Natur unserer Wirklichkeit ab, sondern geht ihr voraus. An diesem Maßstabe gemessen, ist alles gleich möglich, was nicht eine solche innere Unmöglichkeit in sich schließt, und es ist zufällig, welche von diesen Möglichkeiten sich verwirklicht. ,,Individuelles Sein jeder Art istu, wie ein moderner Logiker denselben Gedanken ausdrückt, ״ganz allgemein gesprochen ,zufällig‘. Es ist so, es könnte seinem Wesen nach anders sein17.“ Auch die prägnante Formel: die ״Zufälligkeit, die da Tatsächlichkeit heißt“, ist ganz im Sinne des Kalam. Die Tatsächlichkeit ist Zufälligkeit, weil die absoluten Gesetze der Unmöglichkeit ihr Anderssein nicht ausschließen. Für den Kalam ist diese absolute Grenze der Möglichkeit die einzige, die er anerkennt. Eine Bestimmung dessen, was möglich oder unmöglich ist, auf Grund der Tatsachen der Wirklichkeit, lehnt er grundsätzlich ab. Diese sich aus dem bisher Gesagten deutlieh ergebende Konsequenz hebt Maimonides ausdrücklich als den wesentlichen Differenzpunkt zwischen der Lehre des Kalam und der der Philosophen hervor. Er läßt den Philosophen sagen: ״Die Wirklichkeit ist mein Zeuge, und danach bestimme ich das Notwendige, das Wirkliche und das Mögliche“, und läßt seinen Gegner antworten, daß das Wirkliche als das Werk des göttlichen Willens auch ganz anders sein könne, sofern nicht die Vorstellung des Ver- Standes entscheide, daß es unmöglich anders sein kann18. Der Begriff der absoluten Unmöglichkeit selbst aber bedarf noch genauerer Prüfung. Die Auffassung liegt nahe, daß das in sich Unmögliche mit dem in sich Widerspruchsvollen zusammenfällt, der Satz des Widerspruchs somit das Kriterium ist, das über Mög- 16 Morel, 73, 10; ar. S. 113a, hehr. S. 121h. 17 Husserl, Ideen zu einer reinen Phaenomenologie und phaenomenologischen Philosophie. Im ,,Jahrbuch für Philosophie und phaenomenologische Forschung“ Bd. 1,1, 1913, S. 9. 18 Morel, 73, 10, Anmerkung; ar. 8.115h, 116a; hehr. S. 124a.