Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Problem der Kontingenz in der Philosophie des Maimonides
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 416 (sequence 11)
- Language
- German
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416 Julius Gruttmann wie bei den endlichen Dingen. Für die körperlichen aus Materie und Form zusammengesetzten Dinge ist es wahr, daß eine Ver~ änderung, ein Übergang von der Potentialität in die Aktualität bei ihnen stattfinden muß, damit sie zu wirken anfangen können. Für die immateriellen und damit von jeder Potentialität freien, geistigen Substanzen lehren die Aristoteliker selbst, daß sie gemäß der Disposition der körperlichen Dinge, die unter ihrem Einfluß stehen, in wechselnder Form auf sie einwirken, ohne daß sich in ihnen selbst eine Veränderung vollzieht. Aus dieser freilich anfechtbaren Analogie schließt Maimonides, daß erst recht bei dem absoluten Sein Gottes ein Anheben der Wirkung möglich ist, ohne daß sich in seinem Sein eine Änderung vollzieht. Ebensowenig folgt daraus, daß Gott zu handeln anhebt, daß ein Hindernis des Handelns fortgefallen oder ein bisher nicht vorhandenes Willensmotiv aufgetreten sein muß. Ein solcher Schluß gilt nur für einen Willen, der auf ein außer ihm liegendes Ziel gerichtet ist, nicht aber für einen Willen, der sich in völliger Spontaneität selbst bestimmt. Bei einem solchen Willen beweist das Anheben der Handlung nicht, daß irgendein äußeres Hemmnis fortgefallen ist, und ebensowenig setzt das Einsetzen der Willenshandlung eine Änderung in seinem Wesen voraus11. Tn dem letzten Gedankengange tritt die eigentliche Absicht des Maimonides mit voller Deutlichkeit zutage. Wird die letzte Weltursache, wie es auch die Argumentation der Aristoteliker tut, als Wille gefaßt, so muß ihr die absolute Spontaneität des Wollens zugeschrieben werden. Der aus dem Begriff des absoluten Seins geschöpften Argumentation setzt Maimonides eine vom Begriff des absoluten Willens ausgehende Gegenargumentation entgegen. Die Schwierigkeit seines Standpunktes liegt nur darin, daß er die Spontaneität des absoluten Willens mit der Wandellosigkeit des absoluten Seins vereinigen will. Doch besteht freilich eine analöge Schwierigkeit auch für den. entgegengesetzten Standpunkt, der Gott ausschließlich als das in sich ruhende und beschlossene 11 More II, 18, erstes und zweites Argument, ar. S. 37, 38, 39a, hebr. S. 37.