Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 83 (1939)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1939)
- Article
- Das Problem der Kontingenz in der Philosophie des Maimonides
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 412 (sequence 7)
- Language
- German
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412 Julius Guttmann jedoch, wenn wir diese willkürliche Naturauffassung durch die der Wirklichkeit entsprechende ersetzen. Für Maimonides ist der Atomismus des Kalam. eine willkürliche, die Tatsachen vergewaltigende Konstruktion, während die aristotelische Naturauffassung sich aus der Analyse der Tatsachen ergibt. Auf dem Boden dieser Auffassung aber hat jede Naturspezies eine bestimmte Wesenheit, aus der ihre Eigenschaften mit Notwendigkeit hervorgehen. Diese Notwendigkeit unterscheidet er auf das bestimmteste von bloßer Regelmäßigkeit; die Wesenheiten der Dinge sind die Bedingungen, aus denen ihre Bestimmungen hervorgehen. Den Notwendigkeitsbegriff des Aristotelismus entwickelt und kritisiert Maimonides in der Erörterung der Frage nach der Ewigkeit der Erschaffenheit der Welt. Die Beweise der Aristoteliker für die Weltewigkeit zerlegt er in zwei Gruppen, die, welche von der Welt, und die, welche von Gott ausgehen. Die Beweise der ersten Gruppe suchen zu zeigen, daß die in der Wirklichkeit geltenden Bedingungen des Werdens und Vergehens ein Werden und Vergehen des Weltganzen ausschließen. Bei der methodischen Gleichartigkeit aller dieser Beweise genügt es, einen von ihnen zu analysieren. Wir wählen den vom Begriff der Materie ausgehenden, weil Maimonides an ihm den gegnerischen Standpunkt grundsätzlich darlegt. Die erste, den vier Elementen gemeinsame Materie kann nicht geworden sein. Denn da alles Werden eine Materie voraussetzt, so müßte es eine andere Materie geben, aus der die der Voraussetzung gemäß erste Materie hervorgegangen ist. Da ferner alles Entstandene aus Materie und Form besteht, so müßte die erste, das heißt von aller Form freie Materie im Falle ihrer Gewordenheit aus Materie und Form zusammengesetzt sein. Ein Werden der Materie ist somit unmöglich, und die erste Materie muß als unentstanden gedacht werden7. Der Beweis geht offenbar von der Voraussetzung aus, daß die für das Werden und Vergehen innerhalb der Welt gültigen Gesetze absoluten Geltungswert besitzen. Alles, was in der Welt wird, wird aus einem materiellen Substrat, das sich in allem Wandel der Dinge unverändert erhält. 7 More II, Kap. 14, 2. Beweis, ar. S. 30a, hehr. S. 32a.